Hand auf´s Herz: Wie geht das mit dem Geld in Belarus

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  • #44642
    Alexios
    2 Beiträge

    Hallo Zusammen,

    ich bin Alexios und bin aus Berlin. Da ich fließend Russisch spreche, habe ich mir vorgenommen im nächsten Urlaub ins Land meiner Urväter zu reisen. Ich verfolgte seit einiger Zeit die belorussischen Medien und lese sonst auch sehr viel über das Land aus verschiedenen Quellen (Englisch, Russisch, Deutsch, Griechisch).

    Da man ja immer hört, dass es mit dem Geld dort unmöglich ist, und nun auch die durchschnittlichen Gehälter bei ca. 5 Mio. BYR lagen (???), kann ich es mir schwer vorstellen, wie es ist.

    Also was verdient man so real in Weißrussland und was gibt man so für Lebensmitteln aus?

    Ich kann mir schwer vorstellen, dass es so schlimm unmöglich sein soll.

    Vielen lieben Dank im Voraus für ein paar Antworten und vielleicht sieht man sich bald in Minsk 🙂

    Liebe Grüße, Alexios

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    #44643
    Maxim Gro
    63 Beiträge

    Willkommen, Alexios.
    Was für eine tolle Mischung: ein Grieche in Berlin mit osteuropäischen Wurzeln. Klasse! 😉

    Als „unmöglich“ kann man die Situation in Belarus niemals beschreiben.

    Es geht immer in Belarus, irgendwie!

    Und mit diesem Satz hast du bereits eines der wesentlichen Aspekte des Lebens in Belarus kennengelernt. Ich übertreibe nicht, wenn ich das so sage. Die Menschen dort haben spätestens seit Anfang der 90er gelernt, dass man vom Staat wenig erwarten kann. Deswegen ist das Sprichwort „Habe besser 1.000 Freunde als 1.000 Rubel“ keine leere Floskel in Belarus, sondern die Grundlage des Lebens und Überlebens. Vielleicht findet man hier auch Parallelen zur Situation in Griechenland.

    Belarus ist ein Land der Kontraste und paralleler Realitäten.

    Weil Belarus klein ist und wenige bzw. kleine „Zentren“ hat – sowohl regional als auch innerstädtisch, so kann man mitten in so einem Zentrum durchaus das Gefühl bekommen: wow, hier läuft doch alles super! Das liegt schlichtweg daran, dass in diesen Zentren das Kapital sich konzentriert: da stehen teure Autos, die schicken Restaurants sind knall voll, die Menschen sind schick angezogen, die Läden sind voller Waren etc. Ja, man darf es nicht leugnen, die Mittelschicht ist in den Jahren 2006 – 2014 stets gewachsen. Das größtenteils von Russland subventionierte Wirtschaftsmodel von Belarus konnte den Wachstum nicht verhindern: manche Wirtschaftsbranchen haben sich prächtig entwickelt, so z.B. die IT-Branche, die Reisebranche, die Baubranche etc.

    Aber das – was man in dieser konzentrierten prächtigen Form zu sehen bekommt: das sind

    maximal 5 – 10% der Bevölkerung

    . Man muss nicht unbedingt aufs Land rausfahren, um das ganze Elend in den Dörfern (die langsam aussterben) zu beobachten. Auch in Minsk findet man sehr viele Menschen, die gerade so über die Runden kommen und sich viele tolle Sachen in der Stadt gar nicht leisten können. Wer keine Eigentumswohnung in Minsk hat, der hat es besonders schwer. Ich frage mich selber wie man es finanziell schaffen kann, wenn die Gehälter bei 250 – 350 EUR liegen und die Wohnungsmitte in der Hauptstadt für eine einfache 2-Zimmerwohnung am Stadtrand bei 300 – 350 EUR liegt!

    Manche Menschen haben mehrere Jobs, das ist nicht unüblich! Nur so kommt man über die Runden. Hier 200-300 Dollar, dort noch 150 Dollar. Wer sein/ihr Gehalt in BY-Rubel bekommt, der konvertiert sein Geld so schnell wie möglich in harte Währung. Das monatliche Anstehen am Bankschalter oder an einer Wechselstube gehört also zum Alltag.

    Die Lebensmittelpreise sind für belarussische Verhältnisse hoch.

    Während hierzulande die Ausgaben für die Lebensmittel bei ca. 15% der Gesamteinnahmen (im Monat) liegen, so gehen in Belarus oft mehr als 50% des Gehalts nur für die Lebensmittel weg! Aber aufpassen: kommt man als Gast in eine Familie, so wird nicht selten ein ganzes Monatsgehalt ausgegeben, um den Gast zu bewirten und die Großzügigkeit der belarussischen Seele zu zeigen. Das sollte nicht täuschen!

    Wie ich bereits sagte: Belarus ist ein Land der Kontraste. Für Belarussen sind diese Kontraste längst der normale Alltag. Was sich auch häufig im paradoxen Verhalten äußert. Wer das Land verstehen will, der muss zwischen den Zeilen lesen können.

    • Diese Antwort wurde geändert vor 2 Jahre, 11 Monate von  Maxim Gro.
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    #44649
    Alexios
    2 Beiträge

    Hallo Maxim Gro (-snij) 😉

    Vielen Dank für die tolle Auskunft und den ausführlichen Text.

    So hatte ich es mir auch gedacht und in etwa vorgestellt. Was du schreibst, was auch offenbar sehr präsent ist, ist der Zusammenhalt der Menschen. Als slawischer oder so in die Richtung habe ich auch das Gefühl, dass man das immer zusammen schafft, wenn man denn in einer Gemeinschaft akzeptiert und anerkannt ist.

    Один пропадёшь, вместе выстоим! 🙂

    Und irgendwie ist es genau das was ich Deutschland aktuell so vermisse, aber das ist ja ein anderes Thema.

    Auf jeden Fall ist der Visaantrag in Bearbeitung und ich freu mich riesig auf die Reise.

    Ich glaube das wird super spannend in ein Land zu kommen, dessen Landessprache die eigene Muttersprache ist (Russisch, mit dem Belarusischem bin ich noch am Üben 😉 ) mal die Mentalität der Menschen einschätzen kann, aber einem dennoch alles Neu sein wird.

    Zu dem wirtschaftlichen Aspekten, die du geschildert hast, lese ich heraus, dass es auch klappen kann mit dem guten Leben in Belarus, wenn man Glück und einen gescheiten Job hat. Und sonst bleibt man halt irgendwo in der Mitte hängen. Aber Zufriedenheit ist ja bekanntlich das neue Reichtum.

    Значит есть где развернуться 🙂

    Nur noch eine Frage an dich so als „Ausländer“ in Belarus.

    Wie ist es eigentlich das Verhältnis zwischen den Russen und den Belarusen und der Ukrainer? Gibt es dort eigentlich so eine „Grüppchenbildung“ oder spielt das nicht so die Rolle. Was ich sehr hoffe.

    Auch wenn ich es abartig finde, dass sich diese Völker immer politisch in die Haare kriegen, denn unterm Strich sind es die gleich Menschen.

    Aber gut. Ich freu mich auf Antworten 🙂

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    #44651
    Maxim Gro
    63 Beiträge

    Zum Verhältnis zwischen den Russen und den Belarusen und der Ukrainer

    Belarussen betrachten und betrachteten schon immer die beiden anderen Völker (Russen und Ukrainer) als Brüdervölker. Das wird auch so bleiben. Das liegt schlichtweg daran, dass viele belarussische Familien aus keinen „waschechten“ Belarussen in 2-3-4-5 Generation bestehen, sondern meistens ihre Wurzeln in anderen Regionen der ehemaligen Sowjetunion haben. Da ist nicht selten ein Elternteil aus der Ukraine und ein anderer Elternteil aus Russland oder gar aus baltischen Staaten. Dieser Umstand ist der Geschichte geschuldet: die Repressionen der 30er Jahre, massive Bevölkerungsverluste im 2. Weltkrieg usw. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Nationsbildung in Belarus im Vergleich z.B. zur Ukraine sehr bescheiden verlief und meistens im Kontext anderer Staaten.

    Zur Bedeutung der Gemeinschaft in Belarus

    Du schreibst: „Und irgendwie ist es genau das was ich Deutschland aktuell so vermisse, aber das ist ja ein anderes Thema.„.
    Hier bringe ich meine Meinung zu diesem Thema ein, die so nicht unbedingt repräsentativ für D. oder BY sein muss. Da ich aber sozusagen ein Grenzgänger bin, kann ich so manche Dinge in beiden Kulturen und Gesellschaften aus einer gewissen Distanz (mehr oder weniger) betrachten.

    Die Rolle der Gemeinschaft in Belarus hat eine andere Bedeutung als in Deutschland. Und dieser Umstand kann sowohl positiv als auch negativ gewertet werden bzw. in einer bestimmten konkreten Situation seine Auswirkungen haben. Die Bedeutung der Gemeinschaft in D. ruht meistens (nicht immer!) auf durchaus pragmatischen oder vernunftgeleiteten Vorstellungen: die Solidarität ist zweckgerichtet – ob aus humanen oder wirtschaftlichen Überlegungen heraus. Entscheidend ist aber immer die Überzeugung, das Richtige zu tun. Die Bedeutung der Gemeinschaft in BY ruht in erster Linie auf den Vorstellungen über die Loyalität, d.h. ist sehr emotionsgeladen, personengebunden und nicht unbedingt von der Überzeugung – das Richtige tun zu müssen – geleitet. Das Richtige ist in diesem Fall: die Loaylität! Und diese spezifische Bedeutung von einer Gemeinschaft zeigt sich in verschiedenen Facetten in Belarus: auch in sehr negativen.

    Daher würde ich die Rolle der Gemeinschaft in Belarus nicht idealisieren oder überbewerten wollen. So wie auch in Deutschland würde ich die Rolle der Gemeinschaft nicht negativ sehen und unterbewerten. Ich habe hier in D. ganz tolle Gemeinschaftsprojekte gesehen und erlebe sie weiterhin – gerade jetzt bei den Herausforderungen mit den Flüchtlingen. ABER vielleicht ist das auch der Grund warum Deutschland und Belarus so gut zusammen können: jeder Seite fehlt etwas – und da ergänzen sie sich wunderbar. 😉

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