Vom Ufer der Memel: Warum das Landstädtchen Lukaschenko wählt

Posted by: felixackermann

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Liebe Eltern, ihr könnt so sprechen, wie wir zu Hause immer reden, lacht Asja ihre Mutter aus. Dabei hatte die sich solche Mühe gegeben, ordentliches Polnisch zu sprechen. Hier in Wasilischki sind schließlich alle Katholiken und das ist doch der polnische Glaube. Und das Fernsehen von drüben ist wunderbar.

Diese Serien und der Deutsche Steffen Möller, den in Polen jede Mutter zum Schwiegersohn haben will – das alles guckt Renata Oginski wenn das Wetter es erlaubt. Bei Sonnenschein wird das Bild griselig, aber wenn es bewölkt ist, bekommt man alle drei Sender rein. Also gut, sprechen wir die einfache Sprache, einen Dialekt des Weißrussischen mit allerhand polnischen und russischen Wörtern. Weißrussisch? Die belarussische Sprache können wir hier gar nicht ausstehen – das reden doch die Brillenschlangen in der Stadt, die immer so klug tun, mit denen wollen wir nichts zu tun haben, erklärt Renatas Mann.

Walera ist Mitte Vierzig, in Trainingsanzug und Pullover macht er sich fertig für die Nachtschicht als Wächter in der nahen Schule. Während er sich eine Zigarette anzündet, erklärt er kurz die Lage in Wasilischki: Hör zu, wenn du glaubst, dass wir hier auf dem Dorf sind, warst du noch nicht auf dem flachen Land. Hier ist der Selsowjet, Sitz des Rates des Kreises, die Verwaltung der Kolchose, wir haben ein Krankenhaus, wo meine Frau arbeitet, es gibt die Schule, Geschäfte, einen Kindergarten, unsere Kirche. Wir leben, und wie wir leben. Wer zwei Hände zum arbeiten hat und nicht säuft, geht hier nicht unter. Bei meiner Mutter auf dem Dorf bauen wir nach der Arbeit Kohl an und Kartoffeln. In Minsk kann man das alles an den Mann bringen. Ich lade es einfach ein und stelle mich dort auf die Straße und Ruckzuck haben wir wieder ein paar Scheine für unsere Kinder. Die sollen schließlich studieren, damit sie nicht mehr so schuften müssen wie wir. Hinten im Hof halten wir 10 Schweine. Anderthalb Dollar das Kilo, es kommt direkt ein Zwischenhändler vorbei und schon hast du Geld, um was für die Hütte zu kaufen.

Merk dir eins: alles was die im Westen über Lukaschenko schreiben, ist gelogen. Wir auf dem Dorf wissen genau, was wir an ihm haben. Er hat hier für Ordnung gesorgt. Wenn er nicht wäre – Gott sei uns gnädig, was dann los wäre. Heute ist die Kolchose eine riesige Aktiengesellschaft, 400 Leute arbeiten hier, wir haben unsere eigenen Mähdrescher und Traktoren. Viel weniger als früher sind es, weil nicht mehr so viel Geld in die Landwirtschaft gepumpt wird, aber wir leben. Endlich können wir uns etwas kaufen fürs Geld. Und diese Betonhütte hier, mit drei Zimmern und Dachstuhl hat uns die Kolchose gebaut. Fließendes Wasser, Klo, Gasheizung – wir leben wie in der Stadt. Jetzt baut er uns hier ein Landstädtchen, neue Häuser mit Weststandart, das Krankenhaus wurde renoviert, Fußwege angelegt – alles wie im Bilderbuch. Und deshalb wählen wir jedes mal Lukaschenko, ohne Zwang, einfach so, weil er unser Mann ist. Er hat es gar nicht nötig, die Wahlen zu fälschen, er ist einfach ein guter Führer.

Während Walera in die Schule aufbricht, tragen die Frauen einen reich gedeckten Tisch ins Wohnzimmer. Sie machen Anstalten, eine Flasche Wein zu öffnen, beschließen dann aber, dass Wodka eigentlich besser runter geht. Aber nicht ohne Fruchtsaft! So steigt Asja im Korridor in den Keller und holt ein Drei-Liter-Glas mit Pflaumenkompott aus eigener Produktion. Während des Essens trifft unerwartet der Sohn Ales ein, der die letzte Vorlesung im nahen Lida geschwänzt hat. Rechtsgehilfe lernt er dort und das ist erst der Anfang: er will seinen Weg nach Minsk machen, Wasilischki – das ist nichts für ihn. Asja hingegen würde gerne hier leben, es ist schließlich alles da und so überschaubar. Die Tochter unter die Haube zu bekommen und den Sohn zu einem guten Ehemann zu machen, sind die einzigen Sorgen von Magdalena. Mein ganzes Leben ist nur auf die Kinder ausgerichtet, auf dass es ihnen gut geht, und dass sie uns später besuchen kommen. Auf Arbeit heißt es vor allem, die Steinkohle zu bewachen. Das Krankenhaus wird ja vom Staat versorgt, sonst kann sich hier keiner Kohle leisten, alle die noch kein Gas haben, schlagen für den Winter Holz im benachbarten Wald. Früher, da hat der Chefartzt sich immer drei, vier Tonnen nach Hause fahren lassen, da hat die Fuhre auch bei den Oginskis halt gemacht, aber heute – sind ganz andere Zeiten. Und weil die Leute soviel stibitzten, haben wir eine chinesische Mauer um das Heizhaus gebaut. Und sonst: ach, ich Polonofiliere so gerne, manchmal zieht es mich rüber zu den Verwandten, die nach dem Krieg nach Pommern gemacht sind. Aber dort sind wir ja doch Ausländer mit unserer Eiapopeia-Sprache und deshalb bleiben wir hier – da komme was wolle.

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