Vom Ufer der Memel: Unterwegs von Grodno nach Berlin

Posted by: felixackermann

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felixackermann
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Mitten in der Nacht verpasse ich meinen Zug zur Grenze. Am Bahnhof stehen nur noch Taxifahrer, Zigarettenhändler und Betrunkene. Für 10 Dollar komme ich nach Brusgi, wo sich weißrussische und polnische Händler Schlange stehen, um rechtzeitig zum Markt auf der anderen Seite der Grenze zu kommen. Ich kaufe von meinen letzten Rubeln die Ortabgabe, eine Kurtaxe für Schmuggler. Nach einer halben Stunde finde ich endlich in der Schlange einen Fahrer, der mich nach Bialystok bringen will. Die anderen wollen ihre Ruhe haben oder fahren nur nach Kuznica, direkt hinter die Grenze und wieder zurück.

Mein Fahrer ist ein wortkarger Wicht, aber für 3 Dollar nimmt er jeden. Nach einer Stunde sind wir an den ersten Kontrollpunkt herangerollt, da steigen zwei Frauen vom Dorf und ein Händler aus Grodno ein. Der Wicht sammelt die Ortsabgabezettel ein und reicht sie zusammen mit unseren Pässen aus dem Fenster. Ein europäischer Pass macht sich gut. So entgeht man der weißrussischen Kontrolle. Was soll um sechs Uhr am Morgen ein Ausländer ausführen? Langsam rückt die nächste Kontrolle näher. Flüche. Es ist bereits halb Sieben. In anderthalb Stunden geht mein Zug in Bialystok. Nach der fünften weißrussichen Kontrollstation sind wir im Niemandsland. Nun wird der Großeinkauf getätigt.

Die Damen vom Dorf haben die magische Menge an Schnaps und Zigaretten besorgt – einen Liter und eine Stange. Die Zeit drängt. Eine der beiden hat ihr Wechselgeld vergessen. Oder doch nicht. Die EU heißt mit der gleichen Blecharchitektur willkommen, die wir gerade hinter uns gelassen hatten. Der polnische Grenzer will uns schon die Pässe zurückgeben, als über den Bildschirm eine Warnung flackert. Ich werde aus dem Auto gebeten, ausgefragt, gefilzt. Die Untersuchung macht einen unroutinierten Eindruck, unmotiviert stöbern die Herren in meinen Papieren, den Computer bemerken sie gar nicht. Eine Routinekontrolle? Ein Protokoll muss so oder so erstellt werden. Eine Stunde später stelle in Bialystok fest, dass ich die Zeitverschiebung vergessen hatte. Nach vier Stunden Grenzüberquerung erreicht ich ohne Eile meinen Anschlusszug.

Mazury | Masuren

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