Der Brief, mit dem weißrussische Historiker die europäische Öffentlichkeit auf die Zerstörung historischer Substanz der Altstadt von Grodno hinweisen, ist ein Zeichen von Verzweiflung. Nachdem sie auf allen Wegen versucht haben, ihre Argumente in ihrer Stadt und ihrem Land selbst publik zu machen und immer wieder ignoriert wurden, greifen sie nun zum letzten Mittel und wenden sich an alle Intellektuellen Europas.
In Grodno residierten einst litauische Großfürsten und polnische Könige – unter ihnen auch August der Starke als Wahlkönig der Adelsrepublik. Heute haben hier Bagger und Planierraupen das Sagen. Der ehemalige Marktplatz sollte für das an diesem Wochenende stattfindende Fest der nationalen Kulturen zu einem post-sowjetischen Vergnügungspark umgewandelt werden. Dabei wurden nach Angaben der Historiker Jahrhunderte alte Kulturschichten zerstört, ohne zuvor archäologische Untersuchungen nach europäischen Standards durchzuführen.
Kürzlich rettete allein der körperliche Einsatz von einigen Aktivisten, die sich in einer Baugrube festgesetzt hatten, das Mauerwerk des Adelspalais der Familie Radziwillow vor der Zerstörung durch einen Bagger. Nach ihrer kühnen Streikaktion am Fuße der Kellergewölbe wurde der Ausgang eines neuen Fußgängertunnels immerhin um einige Meter verlegt. Weiterhin bedroht von den Umbauarbeten sind die Fundamente des einstigen Rathauses, dessen Mauern nach Ende des Zweiten Weltkrieges von der sowjetischen Stadtverwaltung abgetragen wurden.
Nachdem bereits 1961 der große jüdische Friedhof der Stadt eingeebnet wurde, um das Fußballstadion „Rotes Banner“ zu erreichten, sind auf dem Gelände seit 2004 erneut Bauarbeiten im Gange. Erst nach der Intervention amerikanischer Diplomaten wurde das Verbringen des Erdreichs in verschiedene Wohnsiedlungen eingestellt. Zur Fertigstellung des neuen Prachtstadions will die Stadtverwaltung nun eine Straßenverbreiterung vornehmen und zwei der wertvollsten Zeugnisse des Grodnoer Konstruktivismus der 1930er Jahre abtragen.
Auch das historische jüdische Viertel in der Altstadt ist von den neuen städtebaulichen Maßnahmen betroffen. Nachdem die deutschen Besatzer hier von 1941 bis 1943 im Ghetto Nr. 1 die Grodnoer Judenheit zusammenpferchte, um sie gänzlich in Kielbasino, Treblinka und Auschwitz zu vernichten, ist das Viertel nach dem Krieg fast verschwunden. Noch zeugen die Große Choralsynagoge, ein als Sporthalle verwendetes Gebetshaus und das mit einer Gedenktafel versehene Eingangsportal von der jüdischen Vergangenheit. Doch schon bald soll hier, entlang des Bächleins Horodniczanka eine Stadtautobahn entlangführen, um die historische Innenstadt vom Verkehr zu entlasten.
Ein weiteres jüdisches Viertel rund um den Heumarkt wurde bei einem deutschen Bombenangriff im Sommer 1941 zerstört, weite Teile der Grodnoer Altstadt wurden bei der Einnahme der Stadt durch die Wehrmacht und danach durch die Rote Armee zerstört. Unter deutscher Aufsicht wurden Kulturgüter von unmessbarem Wert zerstört, Deutsche ermordeten fast zwei Drittel der Stadtbevölkerung von Grodno. Dies sind genug Gründe, um gegen die Missachtung europäischer Denkmalschutzstandards durch die jetzigen Stadtherren mit der gebotenen Zurückhaltung zu protestieren. Und dennoch auch ein Grund, dass gerade Deutsche sich heute für den Erhalt der historischen Substanz dieser europäischen Perle im weißrussisch-polnisch-litauischen Grenzland stark machen sollten.
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