Vom Ufer der Memel: Grodnoer Konstruktivismus?

Posted by: felixackermann

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Grodnoer Konstruktivismus? Weißrussischer Bauhaus-Stil? Polnischer Formalismus? Man mag es kaum glauben, aber die Stadt an der Memel hat neben barocken Kirchen, einer Renaissancesynagoge und eklektizistischen Bürgerhäusern auch eine ganze Reihe von bemerkenswerten Bauten aus den 1920er und 1930er Jahren zu bieten.

Nachdem die Stadt ab 1921 auch völkerrechtlich zur Zweiten Polnischen Republik gehörte, begann zunächst der Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Ersten Weltkriegs. Zunächst versuchte man in Polen, mit historischen Formen an die Geschichte der Adelsrepublik anzuknüpfen. Doch in Warschau setzten sich im Laufe der 1920er Jahre die internationalen Ideen des Funktionalismus durch. Dabei ließen sich polnische Architekten sowohl vom Dessauer Bauhaus als auch von russischen Konstruktivisten beeinflussen.

In Grodno waren diese Einflüsse erst in den frühen 1930er Jahre zu spüren, als das neue Bürgertum der Stadt, vorrangig aus Offizieren, Verwaltungsangestellten und Unternehmern bestehend, in eigens für sie geschaffenen Straßenzügen Villen im neuen, modernen Stil zu errichten begann. An den vielen erhaltenen zweistöckigen Holzbauten ist zu erkennen, dass die Einflüsse aus Russland und Deutschland über Warschau, nicht aber über die Hauptstadt der damals schon existierenden Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Minsk, nach Grodno gelangten.

Realisierte Projekte im Stile des Konstruktivismus konzentrieren sich auf einige wenige öffentliche Bauten wie zwei Bankgebäude sowie ganze Straßenzüge, in denen private Investoren Wohn- und Mietshäuser errichteten. Das Besondere an der hiesigen Ausprägung liegt in der Anwendung regionaler Bautechnologien, die in erster Linie Holz als Baumaterial vorsah sowie im beschränkten Einfluss von einigen regionalen Besonderheiten bei der Ausgestaltung der Fassaden sowie der Innenarchitektur.

Die polnische Ausprägung des Bauhausgedankens geriet mit der endgültigen Angliederung der Nordostgebiete der Polnischen Republik an die Sowjetunion im Jahre 1944 in einen anderen kulturellen Zusammenhang. Was zuvor Fortschritt darstellen sollte, wurde nun als Zeichen bürgerlichen Luxus gedeutet. Die wohl proportionierten Gebäude verloren spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg die Strenge ihrer Form, da zumeist Balkone und Verandas verkleidet wurden, um den Wohnraum zu erweitern. Wo früher eine Familie lebte, drängten sich nun bis zu acht.

Doch die meisten Häuser der sogenannten Lehrersiedlung und in den Straßen, die weißrussische Historiker Sanacyjne nennen, überstanden die sowjetische Einnahme der Stadt. Hauptgrund war die Wohnungsnot und die späte Industrialisierung der Stadt, die erst einsetze, als man nicht mehr stalinistische Arbeiterpaläste in der Innenstadt sondern Wohngebiete am Stadtrand im Stile der berüchtigten sowjetischen Urplattenbauten, den sogenannten Chruschtschowkas, errichtete. So liegen die meisten Gebäude der Zwischenkriegszeit heute in einem schlechten Zustand, aber weitgehend erhalten am Rande der Altstadt.

Da die Bewohner der außergewöhnlichen Bauten nicht deren Besitzer sind und noch immer viele Familien in einem Haus zusammen leben, gestaltet sich die Instandsetzung dieser schwierig. Außerdem ist das weißrussische Verhältnis zum kulturellen Erbe der polnischen Zwischenkriegszeit weiterhin gespalten. Da die Zeit in der sowjetischen Geschichts-Ideologie allein als Projektionsfläche vulgär-marxistischistischer Konstrukte vom polnischen Herrenmenschen diente und Lukaschenkos neue Staatsideologie keine deutlichen Alternativen aufzeigt, gibt es keinen Anlass das „polnische Erbe“ zu pflegen. Während die polnischen Könige, die in Grodno residierten, bereits zum Kulturerbe der Stadt gezählt werden, werden die Bauten aus der jüngsten Vergangenheit bei Sanierungskonzeptionen nicht beachtet.

Eine Änderung ergab sich erst kürzlich durch zweierlei Vorgänge: zum einen ist durch den Boom des weißrussischen Immobilienmarktes und den Wunsch einer neuen weißrussischen Mittelschicht, im Stadtzentrum zu leben der Preis für das Land jener Bauhaus-Straßen extrem gestiegen. Damit lohnt es sich, ein solches Holzhaus leer zu ziehen und mit dem Grundstück zum Verkauf anzubieten. Der neue Besitzer lässt entsprechend der Logik der Moderne das verkommene Gebäude abreißen und errichtet einen neuen Silikonsteinpalast an seiner statt. Andererseits hat sich in der Stadt zum ersten Mal eine Gruppe von jungen Historikern organisiert, die auf den Wert der Bauten hinweisen. Auf einer eigens eingerichteten Homepage verfolgen und kommentieren sie unter www.harodnia.com den Stadtumbau. Die nahe Zukunft wird zeigen, welche Kräfte stärker sein werden.

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