Vom Ufer der Memel: Es sollte besser werden, aber es wurde wie immer
Posted by: felixackermann
on Jan 28, 2006
Wer hat die CD einlegt? Sofort wegschmeißen! - keift die Managerin. Statt Depeche Mode hallt nun russische Popmusik in den Gemäuern an der Hauptstraße. Im kürzlich eröffneten Restaurant soll alles ganz volkstümlich wirken.
Sie heißt auf Weißrussisch Schenke, ist mit rustikalen Möbeln und gestickten Leinentüchern ausgestattet, das Gewölbe aus dem 19. Jahrhundert wurde mit folkloristischen Motiven versehen. An die Wand gelehnt stehen als Besen stilisierte Lampen, hinter deren schmiedeeisernem Reisig die Glühbirnen hervor scheinen. In Holzrahmen wurden Kopien alter Postkarten mit weißrussischen Untertiteln aufgehängt. Die Beschriftungen der deutschen Soldaten, die während des 1. Weltkrieges per Feldpost in die Heimat sendeten, wurden retuschiert. Von der polnisch-jüdischen Stadt und deren Straßennamen der Zwischenkriegszeit findet sich keine Spur mehr. Die Managerin sitzt mitten im Restaurant und sortiert die neuen Speisekarten mit Tagesmenus und Essen à la carte für die etwas besser betuchten Gäste. „Sasha, warum hast Du für den Tee 1600 Rubel kassiert, er kostet 2700. “, belehrt sie lautstark einen Lehrling. „Für ganz normalen Tee? Das ist ja teurer als der Kaffee!“, wundert sich der Kellner. „Das ist guter Tee, merk Dir das und nun ab an die Arbeit. Hast Du diese CD auch ja weggeschmissen? Ich werde das überprüfen.“ Das Sprichwort aus dem Volksmund hat sich auch in dieser Schenke bewahrheitet: es sollte besser werden und es wurde so wie immer.



