Vom Ufer der Memel: Ein Memorial im mittleren Osten Europas

Posted by: felixackermann

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Als Wehrmacht, SS und Gestapo im Sommer 1944 auf das andere Ufer der Memel zurückzogen, hinterließen sie eine rauchende, elende Stadt. Jeder zweite Bürger war von hier nach Treblinka oder Auschwitz verbracht worden. Tausende Kriegsgefangene verhungerten in den Stalags am Rande der Stadt. Hunderte Zwangsarbeiter wurden von hier verschleppt. Und doch war Grodno in das Deutsche Reich eingegliedert worden. So gehörte es drei Jahre lang zur Provinz Ostpreußen, Bezirk Bialystok.

Deutsche Beamte verwalteten die polnisch sprechende Stadt nach dem abrupten Verklingen der jüdischen Stimmen, als ob Grodno immer im Reich gelegen hätte. Bei ihrem eiligen Abzug haben sie zusammen mit einem Großteil der Akten die Buchbestände des Kreiskommissariats, der Finanz- und Zollämter zurückgelassen. Heute stehen die Bücher nebeneinander im Handapparat des Grodnoer Bezirksarchivs. Diese Sammlung ist heute ein Monument deutscher Kultur in Grodno.

In einem Regal stehen: Regelungen des Finanz- und Steuerrechts. Die Zeitschrift für Elektrotechnik. Ein Monatsheft für deutsche Ingenieure. Europa und der Osten, erschienen 1939 mit einem Vorwort des Reichsleiters Alfred Rosenberg. Darin wird der Generalplan Ost verständlich für ein breites Publikum dargestellt. Der heilige Anspruch der Deutschen auf den Osten des Kontinents, ihre Mission im Kampf gegen das Böse und die Vorherrschaft der weißen Rasse werden für Jung und Alt illustriert. Daneben eine Anleitung zur Gymnastik für deutsche Kinder. Anweisungen zum Aufbau von HJ-Gruppen im Bezirk Bialystok.

Von der deutschsprachigen Encyclopedia Judaica aus der Privatbibliothek des Rechtanwalts O. Neubauer sind noch drei Bände erhalten. Ein Ratgeber für jüdische Ehefrauen gibt Auskunft über Erziehungsfragen. Aus einer hebräischen Leihbücherei befindet sich hier ein schmales Zionimus-Bändchen Jahrgang 1919. Die Telefonbücher von Königsberg und Gumbinnen wurden noch 1944 in blaues Kunstleder gebunden. Daneben reihen sich: Eine in Leinen gebundene Sammlung des deutschen Zivilrechts. Kinderliteratur über den Polenfeldzug. Mein Kampf. Dostojewskis Werke in 17 Bänden. Das SS-Leitheft. Einige Ausgaben der Sirene, der deutschen Zeitschrift für Luftschutz. Zwei Jahrgänge der Bialystoker Zeitung. Freude und Leistung. Die Kölner Illustrierte. Hitlerjugend im Krieg.

Das 1942 erschienene Soldatenbändchen „Zwiegespräche im Osten“ von Martin Raschke beginnt mit einem Novalis-Zitat: „Es sind die ersten Wehen. Jeder setzte sich in Bereitschaft zur Geburt.“

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