Vom Ufer der Memel: Ein ganz normaler Monat

Posted by: felixackermann

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Mittwoch der erste. Endlich ist das Gehalt von Ales auf dem Konto angekommen. Vor dem Geldautomaten hat sich eine Schlange gebildet wie früher zu sowjetischen Zeiten, wenn es Bananen gab. Die Rechnungen für Strom, Gas und Wasser sind horrend.

Ales´ Frau Veranika arbeitet nur mit einer viertel Stelle in der Universität. Seit sie damals für die Opposition angetreten ist, bekommt sie keine Stunden mehr. Ales hatten sie damals gesagt: lies mal deiner Frau die Leviten, sonst wirst Du nicht mehr lange in der Bezirksverwaltung arbeiten. Ihre gemeinsame Tochter Volga verdient als Lehrerin 65 Dollar im Monat. Das reicht nicht zum Leben, aber zum Beginn des Monats kann sie endlich wieder Medikamente für ihre vierjährige Tochter Liudmila kaufen.

Sonntag, der fünfte. Veranika geht mit Volga und Liudmila in die Kirche. Sie haben extra noch eine Runde im Park gedreht, um erst zur weißrussischen Messe da zu sein. Die anderen werden auf Polnisch abgehalten, denn fast alle Katholiken hier glauben, dass sie Polen sind, obwohl sie dem Priester „Gott sei Geld“ statt „Gott sei Dank“ nachbrabbeln. Weißrussen wie sie, die katholisch sind und gleichzeitig Weißrussisch sprechen und dazu noch stolz darauf sind, kann man hier an einigen Händen abzählen. Ales ist währenddessen mit dem Auto zum Angeln gefahren – das einzige Hobby, das ihm seine Frau erlaubt. Er hat ein Fläschchen mitgenommen, das Lagerfeuer wird mit der staatlichen Tageszeitung Sowjetskaja Belarus angezündet, die er als Beamter abonnieren muss. Hier draußen mit den Freunden am See spürt er nicht diesen Druck wie zu Hause und auf Arbeit. Hier ist er frei.

Donnerstag, der neunte. Volga ist am Ende. Ihre Mutter terrorisiert sie tagein tagaus. Mach dies, mach jenes. Selbst hat sie nichts zu tun, sitzt vor dem Fernseher, tut so als ob sie etwas wichtiges lesen würde. Volga findet, dass sie in einer Traumwelt lebt: draußen hat sie nichts zu melden, also regiert sie zu Hause mit eiserner Faust. Doch nur schwer kann sie die Anzeichen einer anhaltenden Depression verdecken. Was tun, wenn man nichts tun kann? Ales tut so, als wäre nichts. Er unterhält die Familie mit seinem Gehalt. Wenn Veranika zu Hause durchgreift, duckt er sich dennoch – wozu unnötigen Ärger verursachen?

Dienstag, der dreizehnte. Der Heizkessel ist ausgefallen. Das Haushaltsgeld reicht nur noch für eine Woche. Volga fühlt sich elend, weil sie ihren Eltern nicht finanziell unter die Arme greifen kann. Ihre Tochter liegt mit Mandelentzündung im Bett. Früher hat Volga bei einem örtlichen Verein gearbeitet, hat sich für die Demokratie eingesetzt, für die Opposition geschuftet, doch eines Tages stellte sie fest, dass niemand ihren Sozialversicherung bezahlt hat und dass es so nicht weitergehen kann. Nun fallen auch noch die Nebenjobs weg, mit denen sie sich früher über Wasser gehalten hat – fast alle Betriebe sind erneut in staatlicher Hand. Solchen wie Volga und ihrer Mutter gibt heute in Weißrussland niemand mehr etwas. Sie fühlen sich ausgestoßen.

Mittwoch, der zweiundzwanzigste. Endlich ist der Heizkessel repariert. Ales kommt aufgeregt nach Hause. Heute wurde ihnen in der Bezirksverwaltung die Vorbereitung der Wahlen erklärt. Alle arbeiten auf Hochtouren, damit am 19. März nichts schief geht. Veranika erkärt ihm vorsichtig, dass das Geld alle ist. Das letzte Brot ist angeschnitten, die Butter ist bereits aufgebraucht. Volga holt einige Konservengläser aus dem Keller. Die Stimmung bleibt gedrückt. Ales lacht: Menschenskinder, freut Euch doch, dass alles unter Kontrolle ist. Ihr glaubt doch nicht allen Ernstes, dass es uns heute besser gehen würde, wenn die Opposition an der Macht wäre. Chaos würde herrschen, das wisst ihr ganz genau. Frau und Tochter sitzen ratlos in der Küche.

Freitag, der vierundzwanzigste. Veranika liegt im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Sie will gar nichts mehr. Die Arbeit ist sinnlos geworden. Ihre Traumwelt besteht aus einer Mischung von brasilianischen Telenovellas im polnischen Fernsehen und den weißrussischen Klassikern aus der Renaissancezeit. Fragt man nach, warum die Stimmung so gedrückt ist, antwortet sie spitz: das verstehst du nicht, wir Weißrussen haben haben eine ganz besondere, eigene Mentalität. Volga kehrt ausgelaugt aus der Schule zurück. Sich für 65 Dollar abzustrampeln, wenn ein neues Kinderbett 35 Dollar kostet, ist qualvoll. Sie weiß noch nicht, wie es weiter geht. Auf jeden Fall ohne Mann. Schließlich braucht sie nicht noch ein Kind im Haus.

Dienstag, der achtundzwanzigste. Lieber Gott mach, dass der Monat zu Ende geht. Immerhin ist die Gasrechnung geringer, weil sie gefroren haben. Aber es kommen dennoch nur Kartoffeln und Kohl auf den Tisch. Die kleine Liuda lacht als sie mit ihrer Mutter aus dem Kindergarten kommt. Heute gab es eine Vorschuluntersuchung und sie hat als einzige Weißrussisch verstanden und so die ganze Gruppe gerettet. Dabei hat es lange gedauert, bis sie beide Sprachen auseinander hielt: zu Hause Weißrussisch, im Kindergarten Russisch. Na, und der Opa, der will nicht so recht auf Weißrussisch parlieren. Er kann sich noch gut daran erinnern, dass seine Frau vor zwanzig Jahren allein Russisch mit ihm sprach. Erst nach 1991 begann sie mit dieser weißrussischen Manier. So bleibt er bei Russisch mit einigen lokalen Besonderheiten. Ihre Tochter haben sie in einem Anflug von Patriotismus zum Studium der Weißruthenistik geschickt, deshalb kann sie heute nirgends als in einer Schule arbeiten. Immerhin war in der Schule Elternversammlung und so kommt Veranika mit vielen Blumen und Pralinenschachteln nach Hause. Am Bett betet sie auf Weißrussisch zu Gott und dankt, dass der Monat endlich zu Ende geht.

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