Vom Ufer der Memel: Die Legende lebt

Posted by: felixackermann

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Stare Wasilischki kann man in fünf Minuten durchschreiten. Entlang der Straße reihen sich einige gelb und orange angemalte Holzhäuser aus Vorzeiten, eine Bauruine aus der Sowjetunion und ein gewaltige neogotische Backsteinkirche.

Einige Hütten neigen sich langsam, die Farbe ist verblichen, im Hof gackern keine Hühner. In einer solchen ist einst Czeslaw Wydrzycki aufgewachsen. Im nahen Grodno flog er aus der Musikschule, um wenig später in Polen als Jazzmusiker berühmt wurde. Zu Ehren der Memel nannte er sich nach der Emigration aus der Sowjetunion Czeslaw Niemen. In der Peter und Pauls Kirche, die so groß ist, als wäre sie Pfarrkirche für einen ganzen Bezirk einer Großstadt, hängt erinnert seit kurzem eine Tafel an den Gitaristen, Sänger und Organisten. In den ärmlichen Hütten wohnt noch seine Tante, einige Cousins und andere Wydrzyckis.

Nebenan bei den Nachbarn erinnert man sich genau an Czesiek. Hausherr Antoni Karpowicz sitzt stolz mit seinen drei Katzen auf dem Sofa neben der Tretorgel von 1850 und schwärmt: ach der junge Wydrzycki, das war ein begabter Knabe. Der spielte auf der Orgel nicht so lahm wie ich bei der Messe. Er spielte nur, was ihm der liebe Gott höchst persönlich eingeflüstert hat – frei weg von der Seele. Nicht alle konnten ihn hier leiden. Aber er war ein ganz besonderer Vogel. Wir hatten früher in Stare Wasilischki ein Blasorchester – nur mit Leuten aus unserem Dorf. Seine Eltern waren auch mit von der Partie, sie hatten sogar ein Klavier zu Hause, da habe ich auch mal drauf geplinkert. Später haben sie in dem Haus einen Dorfkonsum eingerichtet, heute steht es leer.

Unser Dorf ist natürlich Polnisch, wer konnte, ist nach dem Krieg rüber gegangen nach Polen. Aber ich war jung, hier waren die Mädels und die Hütte der Eltern. Wir wussten doch noch nicht, was uns erwartete. Ach und so schlecht ist es uns hier nicht ergangen, ich habe immer als Organist in der Kirche gearbeitet, manches Jahr musste ich bis vor Grodno fahren zur Arbeit. Dafür spreche ich noch heute Polnisch – nicht wie die anderen im Dorf, die nur so tun. Da hält es seine Frau nicht mehr aus, die bisher etwas verschämt auf dem Bett am Ofen gesessen hat: natürlich sprechen wir Polnisch, meint sie in reinem Weißrussisch mit einem polnischen Anklang. Wir gehen doch in die Kirche. Wir haben auch gebetet, als hier der rote Teufel sein Unwesen trieb. Damals mussten wir rüber nach Wasilischki, da war die Kirche auf. Heute ist so ein Priester aus Polen, so ein jungscher, der macht uns ganz kirre. Er ließt einfach das Evangelium und dann fragt er mit dem Mikrofon in der Hand, was wir verstanden haben. Alle haben Angst, in die Kirche zu gehen, achherje! Zuhören ist ja das eine, aber antworten und das mit Mikro. Ich weiß auch nicht was der sich denkt.

Jedes Jahr werden es weniger Hütten in Stare Wasisliszki. Karpowiczs sollen auf die andere Straßenseite ziehen, wo die neuen Häuser stehen, die nach dem Krieg aus den vertreuten Vorwerken ins Dorf umgesetzt wurden. Die eine Wand in ihrer engen Behausung neigt sich. Aber Karpowiczs wollen eigentlich gar nicht umziehen. Ihnen fehlt es an nichts in der Stube, in der sie zu dritt mit der Schwester leben. Und drüben – so ein neues Haus mit drei Stuben. Während sie erzählen, treibt gerade ein Nachbar die Kühe durchs Dorf. Karpowiczs Kuh findet alleine ihren Hof und trottet am Fenster vorbei. Ach – den Umzug überstehen wir auch noch. Es könnte schlimmer kommen.

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