Vom Ufer der Memel: Der Bund der Polen in Weißrussland ist auf alles gefasst

Posted by: felixackermann

Tagged in: Memel

felixackermann
There are no translations available.

Das Haus aus gelben Klinkern steht unter Beobachtung. Man erkennt die Männer vom KGB daran, dass sie besonders unauffällig in einem Auto sitzen. Sechs alte Frauen in Kopftüchern haben am Eingang einen Korridor gebildet. Sie mustern jeden Besucher genau: einen von Kruczkowskis Leuten würden sie nicht über die Schwelle lassen. Der ehemalige Vorsitzende des Bundes der Polen wurde von einem weißrussischen Gericht wieder eingesetzt, nachdem die Minderheit einen neuen Vorstand gewählt hatte. An den Wänden des Vereinssitzes hängen handgemachte Plakate: „Ein Bund für Polen, nicht für Judase.“ Auf dem Empfangstisch liegen die neusten Artikel aus der polnischen Presse, die berichtet, dass Tadeusz Kruczkowski die Einreise nach Polen verweigert wird, weil er ein Mann des Präsidenten Lukaschenka sei. Die neue Vorsitzende Andzelika Borys sitzt rauchend vor einem übergroßen Wandteppich mit dem Antlitz des Aufstands-Helden Kosciuszko. „Jetzt zeigt sich, wer wirklich Pole ist“, sagt sie mit fester Stimme. Da klingelt das Telefon: „Schnell, schnell, sie sind wieder im Fernsehen“, rauscht es im Hörer. Borys eilt in die Bibliothek im Keller. Erneut sendet der erste staatliche Kanal eine Reportage über die polnische Minderheit. Tenor: sie bereite mit Hilfe des Westens einen bewaffneten Aufstand vor. In Polen würden in geheimen Lagern Terroristen für den Einsatz in Belarus ausgebildet. Als Kronzeugen treten Kruczkowski und seine Leute auf. Borys lacht bitter. „Ich hatte doch angekündet, dass wir keine Politik machen werden! Alles was wir tun, ist für unser Recht als Minderheit zu kämpfen.“

Andrzej Pisalnik ist Chefredakteur ohne Zeitung. Das Organ des Bundes erscheint seit drei Wochen nicht mehr. Das staatliche Druckkombinat hatte zum ersten Mal in Fünfzehn Jahren den Andruck verweigert – angeblich wegen einer ausstehenden Rechnung. Keine andere Druckerei will die „Stimme vom Ufer der Memel“ drucken. Nervös raucht er vor dem Vereinssitz eine Zigarette nach der anderen und beantwortet nebenbei die telefonischen Fragen von polnischen Journalisten. Bereits seit drei Wochen ist keine Zeitung erschienen. Pisalnik, der zuvor für die oppositionelle „Pahonia“ gearbeitet hat, lächelt: „Überall wo ich auftauche gibt es Ärger. Ich wette die Polizisten, die den Laden hier räumen, kenne ich schon von den letzten Veranstaltungen.“ Seinem Kollege Andrej Poczebut, der selbst kürzlich wegen Präsidentenbeleidung Wochen im Gefängnis saß, ist nicht zum Lachen zu Mute: „Der Bund der Polen wird ganz sicher liquidiert. Er ist mit 25.000 Mitgliedern die größte NGO im Land. Er ist unabhängig. Das ist unerträglich für den Präsidenten. Man muss also mit dem Schlimmsten rechnen. Die Frage ist nur, was mit dem ganzen Eigentum wird, den vielen polnischen Häusern, den Schulen. Die wurden komplett von Polen bezahlt.“

Der Wagen der Beobachter vom KGB hat wieder gewechselt. Vor dem Haus fotografiert eine Korrespondentin der oppositionellen Zeitung „Nasza Niwa“ die Statur des romantischen Nationaldichters Mickiewicz, der einst über das Leben im polnischen Osten schrieb. Dahinter hängt ein Transparent: „Wir harren aus im Land unserer Ahnen“ – ein Zitat der Hymne des polnischen Kampfes gegen Bismarcks Germanisierungspolitik im Westen Polens.

Hirsch Chossid, der letzte Jude des alten Grodno, kommt auf Pisalnik und Poczebut zu, um ihnen die Hände zu schütteln. Er blickt auf das Transparent und summt die Melodie der Hymne. Er ist schließlich in Grodno auf eine polnische Schule gegangen. „Es ist schwer zu erleben, wie weit es erneut kommen musste. Die Atmosphäre in der Stadt ist erdrückend“, meint Chossid. „Die jüdische Gemeinde versucht, still zu halten. Wir fordern nicht laut. Aber die Polen, die haben doch ein anderes Recht: hier befand sich schließlich einst ein polnischer Staat“. Liuda Petrowna, eine weißrussische Grodnoerin läuft in weiten Bogen um das Haus. Sie grummelt: „Soll doch unser Väterchen die Polen auseinander treiben – dann fangen sie vielleicht an, richtig zu arbeiten“.

Am nächsten Tag klingelt unter dem Kosciuszko-Wandteppich in Grodno das Telefon: Tadeusz Kruczkowski ist am Apparat. Er fordert Anzelika Borys auf, noch heute das Haus zu verlassen. Er komme mit seinen Leuten zurück, um den Bund zu leiten und die Zeitung herauszugeben. Die Frauen am Eingang sind bereit. „Wir haben vor nichts mehr Angst“, ruft eine von ihnen. „Wir haben den Krieg, Sibiriern und die Kollektivierung überlebt. Das stehen wir auch durch!“

Trackback(0)
Kommentare (0)Add Comment
Kommentar schreiben
 
  größer | kleiner
 

security image
Bitte den folgenden Code eintragen


busy