Vom Ufer der Memel: 30.10.2005

Posted by: felixackermann

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Sie tragen dunkle Kunstledermäntel oder braune Felljacken. Wenn sie nicht eine schwarze Schiebermütze der Marke Kepka aufhaben, ziert sie eine runde Strickmütze.

Sie tragen Holzfällerhemden ohne Scham, khakigrüne Pullover und abgewetzte Jacketts. Entweder sie setzen aus Stolz keine Brille auf oder es handelt sich um ein übergroßes Modell – zur Wahl stehen Metall und Plastik. Ihren mobilen Besitzstand transportieren sie in Aktentaschen, Plastiktüten oder Sportaschen – vornehmlich der Marke Adidas. Wer cool ist, hat auch im Winter eine Sonnenbrille dabei. Wer richtig cool ist, trägt spitze Lederschuhe. Wer ein Auto hat, lässt eine Tasche um das Handgelenk baumeln, die Diplomat heißt.

 

Sie teilen sich in zwei Lager: Die einen saufen, die anderen kriegen den Mund nicht auf. Die einen schlagen, die anderen kuschen. Die einen ziert schon mit Mitte Zwanzig ein dicker Bauch, die anderen werden bis ans Ende ihres Lebens dürr sein. Und doch sind sie alle gleich: sie heiraten mit Zwanzig, lassen sich zum ersten Mal mit zweiundzwanzig scheiden, haben drei Kinder von zwei Frauen. Sie zahlen für kein einziges Alimente. Sie sind stolz, verspielt, feige. Sie reden gerne von Politik, aus der sie sich mit Vorliebe raushalten, vom Angeln, wozu ihre Frauen sie nicht gehen lassen, bevor sie nicht die Kartoffelacker umgegraben haben und von Autos, die sie sich nicht leisten können oder die unter ihren eigenen Händen auseinander fallen.

In der Kneipe bestellen sie Wodka flaschenweise, zu Hause dürfen sie nur zu Neujahr und zum Geburtstag trinken. In der Banja ergötzen sie sich an ihrem eigenen Schweiß und peitschen sich gegenseitig mit Birkenzweigen aus, bis das Blut spritzt. Dann kommen die Huren. Am Schluss brennt die Banja lichterloh. Mit dem Milizionär an der Ecke wechseln sie ein Wörtchen unter Männern. Auf Arbeit wahren sie die Form, bis der Chef um die Ecke ist. Zum Frauentag laden sie ihre Kolleginnen zum Trinken ein, danach ins Theater, zum Tanzen und so weiter. Den Abwasch erledigen die Frauen am nächsten Tag. Um die Kinder kümmern sie sich nur, wenn die Oma nicht kann. Die Abtreibungen ihrer Frauen und Geliebten lassen sie kalt. In die Kirche gehen sie nur selten. Die Armeezeit haben sie nur mit etwas Glück überstanden. Einen Zahnarzt suchen sie nur gegen Widerstand auf. Ihre Lebenserwartung liegt unter sechzig Jahren.

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