Spannende Diskussion zum Thema: Wie europäisch ist Belarus?

Posted by: GroM

GroM
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Im Forum hat sich, meiner Meinung nach, eine sehr spannende und konstruktive Diskussion um das Thema "Ist Belarus ein europäischer Staat?" entwickelt. Der Auslöser der Diskussion bzw. des Beitrags war die Veröffentlichung einiger aktueller Fragen, die junge Belarussen in Minsk beschäftigen. So beispielsweise:

"Warum ist bei uns dann alles anders als in Europa? Warum sind die Preise in Belarus um 30-40% höher als in Europa oder sind auf gleichem Niveau, während unsere Gehälter 4-8 Mal niedriger sind als mitteleiropäische? Warum sind die Renten in Belarus nicht 300-400 Dollar, wie bei unseren nächsten Nachbarn, sondern 100-120 Dollar? Warum bekommen die Studenten nicht ähnlich hohe Stipendien wie ihre Altersgenossen in Europa? Warum sind die Arbeiter und Bedienstete, Ärzte und Lehrer in ständiger Angst, dass ihre Arbeitsverträge nicht verlängert werden und denken nicht an die Arbeit, sondern daran, dass der Chef nichts Schlechtes über sie denkt?"

So werden die Fragen mit folgendem Satz und dem Aufruf zur gemeinsamen Reflexion resümiert: "Warum haben Belarussen - also wir mit euch - so viele Probleme? Es kann doch nicht sein, dass unser Volk in Europas Mitte schlechter und dümmer ist als andere Europäer? Warum ist das so?"

Ich möchte an der Stelle einige  Fragmente aus der Diskussion erwähnen:

mikael321  Also ich denke, das Hauptproblem ist, das Russen ( auch Belarussen ) schon seit ewiger Zeit, nicht frei waren. Erst das Zarenreich ( Diktatur ), dann über 60 Jahre Kommunismus ( Diktatur ). Das prägt ! Meine Erfahrungen mit ehemaligen CCCP Bürgern, ist ähnlich wie die, mit den älteren Ostdeutschen. Wenige sind bereit, Veratwortung für ihr eigenes Tun zu übernehmen . Der Staat soll möglichst alles richten. Risiko : Nein Danke !


Chr  Insgesamt darf man Belarus einfach nicht mit dem Westen vergleichen. Man kann nur mit Laendern vergleichen, die nach 1990 mit aehnlichen Rahmenbedingen gestartet sind. V.a. mit Russland und der Ukraine. Und so gesehen steht Belarus tatsaechlich nicht schlecht da. Man muss auch mal ein bisschen Geduld haben.

 

Tobias Weihmann  Ich denke, die Isolation ist das größte Problem. Das Land schwimmt im eigenen bzw. bestenfalls noch im russischen Saft, und das liegt nicht nur an den Visabedingungen, sondern vor allem an einem aus sowjetischen Zeiten stammenden Isolationismus und Abwehrreflex gegenüber westlichen Einflüssen, der von den Entscheidungsträgern im politischen, akademischen und religiösen Bereich nicht hinterfragt, sondern weiter aktiv betrieben wird.

 

knopfimohr  Ich glaube aber nicht, dass uns im Westen und Belarus so viel unterscheidet. Die Trägheit ist hier auch deutlich ausgeprägt, vielleicht nicht ganz so stark wie in Belarus aber für Außenstehende doch nicht übersehbar. [...] Das ganze heißt nun nicht, dass wir so dastehen wie in Belarus. Es heißt aber, dass das Bild bunt ist und nicht so schwarz-weiß wie beim ersten Posting.

 

Markus  Ich möchte euch mal fragen, Was ist eigentlich EUROPÄISCH? Wenn ich die verschiedenen Meinungen so lese, denke ich viele verstehen unter Europa etwas Anderes.  Oder muss es so sein, dass zwischen Lissabon und Moskau jeder sechzehn Jähriger gleich gut englisch spricht? Oder muss es so sein, dass zwischen Helsinki und Palermo eine Pizza gleich viel kostet? Oder muss es so sein, dass jeder Saat politisch genau so funktioniert wie der Andere? [...] Weissrussland ist ein Teil Europas, durch seine Vergangenheit einfach ein bisschen anders als die meisten EU Staaten, und solange BY mit Öl und Gas aus Russland seinen bescheidenen Wohlstand aufrecht erhalten kann, wird es auch so bleiben.

 

Chr  Die angesprochene Traegheit vieler Belarussen kann ich recht gut nachvollziehen. Die haben bis jetzt immer nur erlebt, dass sich eigene Leistung nicht wirklich lohnt. Und das ist ja auch jetzt noch so. Gute Jobs bekommt man eigentlich nur ueber Beziehungen und/oder Kohle. Und genau davon, von dieser Korruption ist nun mal alles durchsetzt. Dass das irgendwie laehmt, ist klar.

 

Tobias Weihmann  Die junge belarussische Generation ist übrigens hier schon viel europäischer als die alte Generation - viele WOLLEN Englisch lernen, viele WOLLEN an Studentenaustauschen teilnehmen, viele WOLLEN Ausländer kennenlernen, sie WOLLEN auch etwas aus dem Westen lernen, nicht nur aus dem Osten, sie WOLLEN sich gesellschaftlich engagieren... Europa lebt in Belarus! Aber es ist schwach, es weiß nicht, wo es anfangen soll, es hat Angst, Selbstzweifel, Minderwertigkeitskomplexe, es wurde von der Realität und Vorbildern zu oft enttäuscht, es leidet an chronischem Aderlass, es wird systematisch ausgegrenzt und geteilt, bis es irgendwann an dir Mär seiner eigenen Marginalität zu glauben beginnt...

 

Chr  Das ist absolut so. Ich war jetzt schon oft "zu Besuch" an der Uni in Brest. Die Studenten sind sehr offen und extrem interessiert. Da ist eine grosse Neugier und viel Pioniergeist vorhanden. Das Tragische ist, dass fuer viele dieser Studenten die groesste Hoffnung darin besteht, ins Ausland zu gehen. Das muss nicht mal das westliche Ausland sein, auch in der Ukraine oder Russland gibt es u.U. bessere Entwicklungsmoeglichkeiten fuer junge, leistungsbereite Menschen. Nur geht Belarus mit jeder Person, die so was verwirklicht, eine kritische und selbstaendig denkende und handelnde Person verloren.

 

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Kommentare (2)Add Comment
Chrizzy
November 28, 2011
Stimmen: +0
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Da muss ich "Chr" beipflichten... Belarus BRAUCHT junge, offene, gebildete Leute, nur leider wandern die alle scheinbar ab...

die könnten das Land weiterbringen, sie wären gut für BY, das ist eben die Krux...

gxdcgd
February 07, 2012
Stimmen: +0
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