Posted by: felixackermann
on Oct 30, 2005
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Sie tragen dunkle Kunstledermäntel oder braune Felljacken. Wenn sie nicht eine schwarze Schiebermütze der Marke Kepka aufhaben, ziert sie eine runde Strickmütze.
Sie tragen Holzfällerhemden ohne Scham, khakigrüne Pullover und abgewetzte Jacketts. Entweder sie setzen aus Stolz keine Brille auf oder es handelt sich um ein übergroßes Modell – zur Wahl stehen Metall und Plastik. Ihren mobilen Besitzstand transportieren sie in Aktentaschen, Plastiktüten oder Sportaschen – vornehmlich der Marke Adidas. Wer cool ist, hat auch im Winter eine Sonnenbrille dabei. Wer richtig cool ist, trägt spitze Lederschuhe. Wer ein Auto hat, lässt eine Tasche um das Handgelenk baumeln, die Diplomat heißt.
Posted by: felixackermann
on Oct 24, 2005
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Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?
Im Eingangsbereich des einstigen Wohnhauses der polnischen Schriftstellerin Eliza Orzeszkowa steht eine Kommode mit Spiegel. Alle modebewußten Studentinnen der gegenüberliegenden Universität vollziehen das gleich Ritual, wenn sie mit dem Ausleihen der Bücher fertig sind. Bevor sie die Bibliothek verlassen, halten sie inne, holen noch einmal die Haare aus dem Mantel hervor, kämmen sich, richten die Frisur, werfen das Haar zurück und holen ein Schminkkästchen aus der Handtasche. Nun werden noch einmal Lippenauftrag und Lidschatten überprüft und zu guter letzt wird der Teint mit etwas Puder verbessert. Nun können sie wieder ruhigen Gewissens die Straße betreten.
Posted by: felixackermann
on Oct 17, 2005
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Auf den einschlägigen Internetseiten wurde es angekündigt. Ich erfuhr davon im Gespräch mir einer Spezialistin für die Geschlechtergeschichte des Litauischen Großfürstentums: Am Sonntag sei aus Solidarität mit den Weißrussen als solchen, insbesondere aber mit ihren Verschwundenen Politikern und Journalisten, eine Kerze anzuzünden. Die Initiatoren wollten sich davon überzeugen, dass sie nicht allein sind - wie einst die Solidarnosc-Bewegung in Polen.
In der Küche fand ich eine Haushaltkerze, die wohl für einen Stromausfall bereit lag. Ich stellte sie pünktlich um acht Uhr ins Fenster und war gespannt auf die Kulisse in den Hochhäusern gegenüber. Sie waren hell erleuchtet, aber weit und breit konnte ich keine Kerze erkennen. Vielleicht war das Licht der Laternen zu grell? Vielleicht wusste keiner der Bewohner vom Tag der Solidarität? Schließlich hatten sich die staatlichen Medien gehütet, auch nur einen Wink zu geben. Wahrscheinlich interessierte dieser die meisten Hiesigen auch nicht.
Furore hat an diesem Abend im Westen Weißrusslands das vom polnischen Fernsehen ausgestrahlte Interview mit Papst Benedikt XVI gemacht. Von Weitem sah man in einigen Wohnungen das Programm von TVP1 flimmern, während auf dem staatlichen weißrussischen Kanal BT eine reißerische Reportage über die Präsidentenwahlen in Polen lief, deren Tenor lautete: die polnische Demokratie à la Solidarnosc ist ein Treppenwitz der Geschichte.
Posted by: felixackermann
on Oct 15, 2005
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Als Wehrmacht, SS und Gestapo im Sommer 1944 auf das andere Ufer der Memel zurückzogen, hinterließen sie eine rauchende, elende Stadt. Jeder zweite Bürger war von hier nach Treblinka oder Auschwitz verbracht worden. Tausende Kriegsgefangene verhungerten in den Stalags am Rande der Stadt. Hunderte Zwangsarbeiter wurden von hier verschleppt. Und doch war Grodno in das Deutsche Reich eingegliedert worden. So gehörte es drei Jahre lang zur Provinz Ostpreußen, Bezirk Bialystok.
Deutsche Beamte verwalteten die polnisch sprechende Stadt nach dem abrupten Verklingen der jüdischen Stimmen, als ob Grodno immer im Reich gelegen hätte. Bei ihrem eiligen Abzug haben sie zusammen mit einem Großteil der Akten die Buchbestände des Kreiskommissariats, der Finanz- und Zollämter zurückgelassen. Heute stehen die Bücher nebeneinander im Handapparat des Grodnoer Bezirksarchivs. Diese Sammlung ist heute ein Monument deutscher Kultur in Grodno.
In einem Regal stehen: Regelungen des Finanz- und Steuerrechts. Die Zeitschrift für Elektrotechnik. Ein Monatsheft für deutsche Ingenieure. Europa und der Osten, erschienen 1939 mit einem Vorwort des Reichsleiters Alfred Rosenberg. Darin wird der Generalplan Ost verständlich für ein breites Publikum dargestellt. Der heilige Anspruch der Deutschen auf den Osten des Kontinents, ihre Mission im Kampf gegen das Böse und die Vorherrschaft der weißen Rasse werden für Jung und Alt illustriert. Daneben eine Anleitung zur Gymnastik für deutsche Kinder. Anweisungen zum Aufbau von HJ-Gruppen im Bezirk Bialystok.
Posted by: felixackermann
on Oct 6, 2005
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Mitten in der Nacht verpasse ich meinen Zug zur Grenze. Am Bahnhof stehen nur noch Taxifahrer, Zigarettenhändler und Betrunkene. Für 10 Dollar komme ich nach Brusgi, wo sich weißrussische und polnische Händler Schlange stehen, um rechtzeitig zum Markt auf der anderen Seite der Grenze zu kommen. Ich kaufe von meinen letzten Rubeln die Ortabgabe, eine Kurtaxe für Schmuggler. Nach einer halben Stunde finde ich endlich in der Schlange einen Fahrer, der mich nach Bialystok bringen will. Die anderen wollen ihre Ruhe haben oder fahren nur nach Kuznica, direkt hinter die Grenze und wieder zurück.
Mein Fahrer ist ein wortkarger Wicht, aber für 3 Dollar nimmt er jeden. Nach einer Stunde sind wir an den ersten Kontrollpunkt herangerollt, da steigen zwei Frauen vom Dorf und ein Händler aus Grodno ein. Der Wicht sammelt die Ortsabgabezettel ein und reicht sie zusammen mit unseren Pässen aus dem Fenster. Ein europäischer Pass macht sich gut. So entgeht man der weißrussischen Kontrolle. Was soll um sechs Uhr am Morgen ein Ausländer ausführen? Langsam rückt die nächste Kontrolle näher. Flüche. Es ist bereits halb Sieben. In anderthalb Stunden geht mein Zug in Bialystok. Nach der fünften weißrussichen Kontrollstation sind wir im Niemandsland. Nun wird der Großeinkauf getätigt.
Die Damen vom Dorf haben die magische Menge an Schnaps und Zigaretten besorgt – einen Liter und eine Stange. Die Zeit drängt. Eine der beiden hat ihr Wechselgeld vergessen. Oder doch nicht. Die EU heißt mit der gleichen Blecharchitektur willkommen, die wir gerade hinter uns gelassen hatten. Der polnische Grenzer will uns schon die Pässe zurückgeben, als über den Bildschirm eine Warnung flackert. Ich werde aus dem Auto gebeten, ausgefragt, gefilzt. Die Untersuchung macht einen unroutinierten Eindruck, unmotiviert stöbern die Herren in meinen Papieren, den Computer bemerken sie gar nicht. Eine Routinekontrolle? Ein Protokoll muss so oder so erstellt werden. Eine Stunde später stelle in Bialystok fest, dass ich die Zeitverschiebung vergessen hatte. Nach vier Stunden Grenzüberquerung erreicht ich ohne Eile meinen Anschlusszug.