Posted by: felixackermann
on Jun 1, 2006
There are no translations available.
Der Brief, mit dem weißrussische Historiker die europäische Öffentlichkeit auf die Zerstörung historischer Substanz der Altstadt von Grodno hinweisen, ist ein Zeichen von Verzweiflung. Nachdem sie auf allen Wegen versucht haben, ihre Argumente in ihrer Stadt und ihrem Land selbst publik zu machen und immer wieder ignoriert wurden, greifen sie nun zum letzten Mittel und wenden sich an alle Intellektuellen Europas.
In Grodno residierten einst litauische Großfürsten und polnische Könige – unter ihnen auch August der Starke als Wahlkönig der Adelsrepublik. Heute haben hier Bagger und Planierraupen das Sagen. Der ehemalige Marktplatz sollte für das an diesem Wochenende stattfindende Fest der nationalen Kulturen zu einem post-sowjetischen Vergnügungspark umgewandelt werden. Dabei wurden nach Angaben der Historiker Jahrhunderte alte Kulturschichten zerstört, ohne zuvor archäologische Untersuchungen nach europäischen Standards durchzuführen.
Kürzlich rettete allein der körperliche Einsatz von einigen Aktivisten, die sich in einer Baugrube festgesetzt hatten, das Mauerwerk des Adelspalais der Familie Radziwillow vor der Zerstörung durch einen Bagger. Nach ihrer kühnen Streikaktion am Fuße der Kellergewölbe wurde der Ausgang eines neuen Fußgängertunnels immerhin um einige Meter verlegt. Weiterhin bedroht von den Umbauarbeten sind die Fundamente des einstigen Rathauses, dessen Mauern nach Ende des Zweiten Weltkrieges von der sowjetischen Stadtverwaltung abgetragen wurden.
Posted by: felixackermann
on May 20, 2006
There are no translations available.
Grodnoer Konstruktivismus? Weißrussischer Bauhaus-Stil? Polnischer Formalismus? Man mag es kaum glauben, aber die Stadt an der Memel hat neben barocken Kirchen, einer Renaissancesynagoge und eklektizistischen Bürgerhäusern auch eine ganze Reihe von bemerkenswerten Bauten aus den 1920er und 1930er Jahren zu bieten.
Nachdem die Stadt ab 1921 auch völkerrechtlich zur Zweiten Polnischen Republik gehörte, begann zunächst der Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Ersten Weltkriegs. Zunächst versuchte man in Polen, mit historischen Formen an die Geschichte der Adelsrepublik anzuknüpfen. Doch in Warschau setzten sich im Laufe der 1920er Jahre die internationalen Ideen des Funktionalismus durch. Dabei ließen sich polnische Architekten sowohl vom Dessauer Bauhaus als auch von russischen Konstruktivisten beeinflussen.
In Grodno waren diese Einflüsse erst in den frühen 1930er Jahre zu spüren, als das neue Bürgertum der Stadt, vorrangig aus Offizieren, Verwaltungsangestellten und Unternehmern bestehend, in eigens für sie geschaffenen Straßenzügen Villen im neuen, modernen Stil zu errichten begann. An den vielen erhaltenen zweistöckigen Holzbauten ist zu erkennen, dass die Einflüsse aus Russland und Deutschland über Warschau, nicht aber über die Hauptstadt der damals schon existierenden Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Minsk, nach Grodno gelangten.
Posted by: felixackermann
on May 10, 2006
There are no translations available.
Vom 2. - 4. Juni 2006 findet am Ufer der Memel wieder das Festival der nationalen Kulturen statt. Das Großereignis hält die Stadt bereits Monate zuvor in Atem. Anbei finden sie das Tagebuch einer Exkursion zum Festival 2004. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter Grodno
Unterwegs nach Grodno
Die Schaffnerin des ukrainisches Waggons blickt mißtrauisch auf das polnische Gruppenticket. Im Zug ist es stickig. Gleich nach der Abfahrt aus Frankfurt (Oder) laden Tomek, Lukasz und Phillip, der Viadrina-Jiddisch-Klub, auf einen Schluck Wein ein. Siebzehn Studenten aus Polen, Deutschland, Bulgarien und Estland stehen tuschelnd auf dem Gang und begeben sich mit einem Plastikbecher in der Hand auf die Reise von West nach Ost: nach den Weingebieten in Chile und Calfornien durchstreifen sie die Hänge in Spanien und Italien. Bald ermahnt sie die Schaffnerin, dass es Zeit zum Schlafen sei. So gelangen sie nicht mehr nach Ungarn und Moldavien. Doch im Abteil des Jiddisch-Klubs geht die Reise weiter — diesmal in die Vergangenheit. Tomek zieht eine Schwarz-Weiß-Kopie mit hebräischen Zeichen aus der Tasche und liest auf Jiddisch das Märchen von den 36 Weisen vor. Er erklärt einzelne Wörter, schweift ab und beginnt die Geschichte der Sprache zu erläutern. Die anderen lachen über den Eifer. Es findet sich noch eine Flasche Wein und jemand zaubert eine große Tüte mit Hähnchenschenkeln, Tomaten und Brot hervor. Lange nach Poznan gehen die letzten erschöpft in ihre Abteile. Zwei Stunden später, am Horizont geht gerade die Sonne auf, rüttelt die Schaffnerin an den Türen — in einer Stunde sind wir in Warschau. Von hier ist es nicht mehr weit. Die dreihundert Kilometer in die weißrussische Grenzstadt legen wir mit drei mal Umsteigen in fünf Stunden zurück.