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Vom Ufer der Memel: Grodno nach der Wahl

Posted by: felixackermann

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In Grodno geht nach der Wahl alles seinen Gang, als hätte sie gar nicht stattgefunden. Nur einige Werbeposter und Busaufschriften erinnern noch an die rot-grüne staatliche Kampagne „Für Belarus!“. Über das Schicksal der verhafteten Aktivisten, die in Minsk auf dem Oktoberplatz ausharrten ist hier in der angeblichen Hochburg des Nationalen nicht viel bekannt.

Dass man nun um Milinkiewicz fürchten muss, wissen hingegen nicht nur Eingeweihte. Viele sind sich hier sicher, dass ihm in Grodno jede dritte Stimme gehörte. Andere behaupten, dass selbst ohne Fälsch in der Sieldung Foliusz am Stadtrand, wo die demobilisierten Armeeangehörigen leben, 75 % für Alexander Lukaschenko gestimmt haben. Die Oppositionskreise sind dennoch nicht wie vor fünf Jahren in Ratlosigkeit versunken. Sie haben das Gefühl, dass etwas geschehen ist, dass ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen ist. Dieser ist freilich auf der Straße oder im Trolleybus nicht zu spüren, aber gemeint ist auch eine Veränderung des inneren Zustandes. Diese nehmen vor allem die Aktivisten selbst wahr, denn viele von ihnen haben nicht mehr daran geglaubt, dass man unter den gegebenen Umständen etwas erreichen kann.

Im Bezirksarchiv jedenfalls ist alles beim Alten. Nur eine Sonderausstellung und ein rot-grünes Plakat im Lesesaal deuten auf die Wahlen hin. Die Ausstellung setzt die demokratischen Wiederwahlen Alexander Lukaschenkas als Staatsoberhaupt in den rechten Kontext: nach kurzer Erwähnung der Wahlen ins polnische Oberhaus in den Jahren 1930 und 1935 erscheinen an Wandzeitungen ausführliche Auszüge aus Dokumenten der Jahre 1940, 1946 und 1956, als Grodno sowjetisch war: das Volke durfte damals im demokratischsten Land der Welt seine selbst erwählten Vertreter in den Obersten Sowjet der UdSSR entsenden. 1951 war das zufälliger Weise und aus gänzlich freien Stücken Nikita Chrushchov. In Parteidokumenten, die in Vitrinen ausgelegt sind, werden immer neue Erfolge der Vorbereitung der Wahlen verkündet. Eine genaue Aufstellung der durchgeführten Informationsveranstaltungen wird gezeigt (damals sprach man noch wertfrei von Propaganda), die Anzahl der Teilnehmer wird genau angegeben, Probleme bei der Durchführung angesprochen. Im nahen und heute in Polen liegenden Städtchen Sokólka waren bei 34 Kundgebungen 950 Teilnehmer, die 25 Informationsveranstaltungen unter dem Motto „Die Lage vor den Wahlen“ waren mit 1000 Personen noch besser besucht. Der Macher der Ausstellung, ein Mitarbeiter des Archivs, gibt zu, dass er die Ausstellung in Eile vorbereitet hat, dass sie eh niemanden interessiert und dass der Anlass die Präsidentenwahlen waren. Man ist hier so weit abgestumpft, dass der doppeldeutige Bezug einer freien Wahl unter Lukaschenko im 21. Jahrhundert und stalinistischen Wahlprozeduren in den 1940er und 50er Jahren niemandem mehr auffällt.


Vom Ufer der Memel: Sie können nicht anders

Posted by: felixackermann

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Wenn Andrzej Poczebut gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, macht er weiter, wo er aufgehört hat. Er schreibt für die polnische Minderheit über die sowjetischen Verfolgungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg genauso wie über die Repressionen des Bundes der Polen zum Beginn des 21. Jahrhundert.

Zusammen mit seinem Kumpel Andrzej Pisalnik füllen sie ein ganzes Magazin unter verschiedenen Pseudonymen. Denn von den Polen vor Ort ist niemand sonst so mutig und verrückt zugleich, um dauerhaft mit den Windmühlen des Regimes zu kämpfen. Sie hatten früher ganz friedlich für die Zeitung der polnischen Minderheit gearbeitet. Doch dann wurde diese zunehmend regimetreu und sie mussten gehen. So wurden sie zu den journalistischen Musketieren des Grodnoer Strippenziehers Markiewicz, dessen Zeitung Pahonia sie von nun an mit ihren kompromisslosen Nachrichten füllten. Hier wurde kein Blatt vor den Mund genommen, hier arbeitete man frontal gegen Alexander Lukashenko, ohne Rücksicht auf Verluste. Markiewicz saß in Folge mit einem Kollegen wegen Präsidentenbeleidigung ein, die Pahonia wurde geschlossen. Im Internet wurde weiter gekämpft. Markiewicz hat nach der Freilassung keine Zeit verstreichen lassen und umgehend die neue Wochenzeitung „Den“ – „Der Tag“ herausgegeben. Erneut folgen Durchsuchungen, Konfiszierungen, Geldstrafen.

Als im Bund der Polen eine neue demokratisch gesinnte Führung gewählt wird, kommen Poczebut und Pisalnik als Geheimwaffen zum Einsatz. Sie sollen das Organ der Minderheit, „Die Stimme vom Ufer der Memel“, auf Vordermann bringen, nachdem es zu einem Rentnerblatt verkommen war. Und was tun sie? Pünktlich zu den Feierlichkeiten der Befreiung Weißrusslands durch die siegreiche Rote Armee, titeln sie: für uns war es keine Befreiung. Ausführlich beschreiben sie das Schicksal der polnischen Heimatarmee, die im Nordwesten des Landes als Banditen und Terroristen bekämpft wurden, obwohl sie allein ihr Vaterland verteidigten. Innerhalb von wenigen Wochen wird ihnen der Druck in der Bezirksdruckerei verwehrt, eine legale Alternative gibt es nicht. Stattdessen erscheint ein Nacht-und-Nebel-Double der „Stimme vom Ufer der Memel“, die die Wahrheiten des Regimes verbreitet. So bleibt Poczebut und Pisalnik nichts anderes, als ihr Blatt von Polen aus herzustellen. Zuvor kommen sie aber noch für eine Protestaktion auf dem Grodnoer Leninplatz für zwei Wochen ins Gefängnis. Und so geht es immer weiter. Trifft man sie, sind sie stets in bester Laune. Sie wissen was sie tun und glauben fest daran, dass auch dieses Regime eines Tages untergehen wird. Steht man erstmal außerhalb der durchherrschten Gesellschaft, lebt es sich leichter. Den Preis für diese Freiheit zahlen vor allem die Angehörigen, die in ständiger Angst leben und die ihre Arbeit verlieren. Nur wenige sind bereit, diesen zu zahlen. Derzeit sitzt Andrzej Poczobut erneut für zehn Tage hinter Gittern - er hat angeblich gegenüber einem Polizisten ein grobes Wort in den Mund genommen. Vorwand genug, ihn für die Zeit der Wahlen aus dem Verkehr zu ziehen.


Vom Ufer der Memel: Ein ganz normaler Monat

Posted by: felixackermann

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Mittwoch der erste. Endlich ist das Gehalt von Ales auf dem Konto angekommen. Vor dem Geldautomaten hat sich eine Schlange gebildet wie früher zu sowjetischen Zeiten, wenn es Bananen gab. Die Rechnungen für Strom, Gas und Wasser sind horrend.

Ales´ Frau Veranika arbeitet nur mit einer viertel Stelle in der Universität. Seit sie damals für die Opposition angetreten ist, bekommt sie keine Stunden mehr. Ales hatten sie damals gesagt: lies mal deiner Frau die Leviten, sonst wirst Du nicht mehr lange in der Bezirksverwaltung arbeiten. Ihre gemeinsame Tochter Volga verdient als Lehrerin 65 Dollar im Monat. Das reicht nicht zum Leben, aber zum Beginn des Monats kann sie endlich wieder Medikamente für ihre vierjährige Tochter Liudmila kaufen.

Sonntag, der fünfte. Veranika geht mit Volga und Liudmila in die Kirche. Sie haben extra noch eine Runde im Park gedreht, um erst zur weißrussischen Messe da zu sein. Die anderen werden auf Polnisch abgehalten, denn fast alle Katholiken hier glauben, dass sie Polen sind, obwohl sie dem Priester „Gott sei Geld“ statt „Gott sei Dank“ nachbrabbeln. Weißrussen wie sie, die katholisch sind und gleichzeitig Weißrussisch sprechen und dazu noch stolz darauf sind, kann man hier an einigen Händen abzählen. Ales ist währenddessen mit dem Auto zum Angeln gefahren – das einzige Hobby, das ihm seine Frau erlaubt. Er hat ein Fläschchen mitgenommen, das Lagerfeuer wird mit der staatlichen Tageszeitung Sowjetskaja Belarus angezündet, die er als Beamter abonnieren muss. Hier draußen mit den Freunden am See spürt er nicht diesen Druck wie zu Hause und auf Arbeit. Hier ist er frei.


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Liebe Eltern, ihr könnt so sprechen, wie wir zu Hause immer reden, lacht Asja ihre Mutter aus. Dabei hatte die sich solche Mühe gegeben, ordentliches Polnisch zu sprechen. Hier in Wasilischki sind schließlich alle Katholiken und das ist doch der polnische Glaube. Und das Fernsehen von drüben ist wunderbar.

Diese Serien und der Deutsche Steffen Möller, den in Polen jede Mutter zum Schwiegersohn haben will – das alles guckt Renata Oginski wenn das Wetter es erlaubt. Bei Sonnenschein wird das Bild griselig, aber wenn es bewölkt ist, bekommt man alle drei Sender rein. Also gut, sprechen wir die einfache Sprache, einen Dialekt des Weißrussischen mit allerhand polnischen und russischen Wörtern. Weißrussisch? Die belarussische Sprache können wir hier gar nicht ausstehen – das reden doch die Brillenschlangen in der Stadt, die immer so klug tun, mit denen wollen wir nichts zu tun haben, erklärt Renatas Mann.

Walera ist Mitte Vierzig, in Trainingsanzug und Pullover macht er sich fertig für die Nachtschicht als Wächter in der nahen Schule. Während er sich eine Zigarette anzündet, erklärt er kurz die Lage in Wasilischki: Hör zu, wenn du glaubst, dass wir hier auf dem Dorf sind, warst du noch nicht auf dem flachen Land. Hier ist der Selsowjet, Sitz des Rates des Kreises, die Verwaltung der Kolchose, wir haben ein Krankenhaus, wo meine Frau arbeitet, es gibt die Schule, Geschäfte, einen Kindergarten, unsere Kirche. Wir leben, und wie wir leben. Wer zwei Hände zum arbeiten hat und nicht säuft, geht hier nicht unter. Bei meiner Mutter auf dem Dorf bauen wir nach der Arbeit Kohl an und Kartoffeln. In Minsk kann man das alles an den Mann bringen. Ich lade es einfach ein und stelle mich dort auf die Straße und Ruckzuck haben wir wieder ein paar Scheine für unsere Kinder. Die sollen schließlich studieren, damit sie nicht mehr so schuften müssen wie wir. Hinten im Hof halten wir 10 Schweine. Anderthalb Dollar das Kilo, es kommt direkt ein Zwischenhändler vorbei und schon hast du Geld, um was für die Hütte zu kaufen.


Vom Ufer der Memel: 06.03.2006

Posted by: felixackermann

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An der Grenzabfertigung im Bahnhof windet sich eine Traube von Schmugglern vor einem Metalltor, durch das man zum Zoll gelangt. Inmitten der bepackten, müden, nervösen Frauen steht ein bärtiger Mann: in sich ruhend und ohne Gepäck. Noch erkennt ihn niemand, keiner will mit ihm sprechen. Er ist der Herausforderer des amtierenden weißrussischen Präsidenten Alexander Lukashenko, der sich am 19. März wieder wählen lassen lässt.

Alexander Milinkiewicz ist nicht der richtige Mann. Er sollte in einer Universität Physik unterrichten, wie er dies zu sowjetischen Zeiten getan hat. Er wäre sicher ein guter Kommunalpolitiker geworden – seine Karriere begann er 1991 als Vizebürgermeisters der im Nordwesten des Landes gelegenen Stadt Grodno. Ganz sicher hätte er gute Dienste als Begründer einer Nichtregierungsorganisation für die Zivilgesellschaft in Weißrussland geleistet. Doch alle drei Optionen blieben ihm verwehrt. Die Universität würde ihn nie wieder aufnehmen, seit er nach dem Amtsantritt von Präsident Alexander Lukashenko aus der Kommunalpolitik schied und sein Verein Ratusza geschlossen wurde, weil er unabhängige regionale Projekte realisierte, die den neuen Stadtherren ein Dorn im Auge waren. So ist sein Antreten als gemeinsamer Präsidentschaftskandidat der weißrussischen Opposition der verzweifelte Schritt eines besonnenen Mannes, der eigentlich gerne Regionalgeschichte schreiben würde. Seit man auch die Rotationspresse beschlagnahmt hat, mit der bei Ratusza kleine, aber wichtige Broschüren über Menschenrechte, die Sprengung der gotischen Garnisonskirche am Grodnoer Marktplatz durch die Sowjets und die Nutzung des Internets für die Vereinsarbeit vervielfältigt wurden, steht für ihn fest: ohne Demokratie wird es keine keine Zivilgesellschaft geben und diese wird durch das Regime massive zurückgedrängt. Es gibt für Milinkiewicz keine Alternative zum politischen Kampf um ein anderes Weißrussland. Und so ist er angetreten, um wie David gegen Goliath zu kämpfen.

Sein Gegner hat den gesamten Staatsapparat für die eigene Wiederwahl mobilisiert: von der Präsidialverwaltung über die Großbetriebe, das Fernsehen bis hin zur Schuldirektion im noch so kleinsten Dorf – alle wissen genau was zu ist: Zwang zur früheren Stimmabgabe innerhalb des Unternehmens, Anwesenheitskontrollen für Beamte, Strafen für Sympathiebekundungen mit Milinkiewicz, alltägliche Terrorisierung von Oppositionellen. Auch wenn der Kandidat wiederholt, dass der Sieg unabwendbar sei – er glaubt selbst nicht an einen solchen. Für ihn wäre es bereits ein Erfolg, wenn eine Mehrheit der Weißrussen erfahren würde, dass es eine Alternative zum Regime Lukashenkos gibt. Demokratie auf Weißrussisch bedeutet, sich bewusst verleumden zu lassen, um zu zeigen, dass es noch eine andere Wahrheit als die des Demagogen vom Dienst gibt. Milinkiewicz ist zwar nicht der richtige Mann für den Kampf mit diesem, aber er wird dennoch das Richtige tun.


Vom Ufer der Memel: 04.03.2006

Posted by: felixackermann

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Der Sitz der polnischen Minderheit hat sich verändert, seit die weißrussische Miliz es stürmte, um die Neuwahl eines regimetreuen Vorsitzenden zu erzwingen.

Ein Uniformierter sitzt gelangweilt in der Ecke. Auf Verdacht kontrolliert er die Besucher und ihre Taschen. Der Funk der Miliz erfüllt die untere Etage mit seinem abgehackten Rauschen. Die Heizung funktioniert nicht. Das Licht ist ausgeschaltet. Die Polnische Regierung hat die Finanzierung des Bundes der Polen in Weißrussland eingestellt.

Fremde Funktionäre drängen sich um den neuen Vorsitzenden, Alexander Lucznik. Der gestandene Direktor einer sowjetischen Schule in seiner mehrheitlich polnisch bewohnten Heimatstadt Sopockino strahlt gleichzeitig Ruhe und Unsicherheit aus. Er weiß, wie man in Zeiten eingeschränkter Freiheit eine solche Institution leitet. „Ich habe den Bund übernommen, um ihn zu retten“, erklärt Lucznik. Doch die polnischen Journalisten lassen nicht locker: „Warum haben sie Verrat an der nationalen Sache begangen?“