Posted by: felixackermann
on Feb 22, 2006
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„Es war schwer ein Hotel in Grodno ausfindig zu machen. Internet ist noch nicht ihr Ding, hier. Aber es ist eine schöne Stadt. Wir haben im Lonely Planet nur drei Städte in Belarus aufgenommen: Minsk ,Grodno und Brest. Ja man kann es aushalten hier, das Restaurant Blues ist ganz gut,“ meint Simon nach dem zweiten Bier. Man sieht ihm an, dass er fremd hier ist und sich doch wohl fühlt. Aber das Hotel Belarus sei schon gewöhnungsbedürftig. Der Reiseführer, an dem er mitarbeitet, sei wirklich ganz vorzüglich: für Restaurants und Hotels. Von denen gebe es nicht viele, aber man könne sie schon ausfindig machen mit ein wenig guten Willen. Geschichte interessiert Simon nicht. „Denkmäler haben wir ja schließlich in Italien genug“, meint er und fährt nach einem eintägigen Aufenthalt am Ufer der Memel weiter nach Brest. Er ist der für Belarus zuständige Redakteur des amerikanischen Travelguides Lonely Planet.
Posted by: felixackermann
on Feb 16, 2006
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Die polnische Schriftstellerin Eliza Orzeszkowa verbrachte in Grodno ihr halbes Leben. Gebunden an ihren Geliebten und späteren Mann führte sie ein unbequemes Leben als Philantropin, Feministin und Ziehmutter polnischer Fräuleins. Ihr blau schimmerndes Holzhaus, welches sie nach dem großen Brand der Innenstadt von 1885 bezog ist heute fester Bestandteil der hiesigen Erinnerungslandschaft.
Das Erbe der Grande Dame von Grodno wird nicht nur von ihren polnischen Landsleuten in Anspruch genommen, sondern auch von post-sowjetischen Akteuren und der weißrussischen Intelligenz. Ihr wichtigstes Werk, der Roman „Am Ufer der Memel“, ist so etwas wie eine regionale Bibel und Das Kapital in einem, enthält er doch neben der ausufernde Beschreibung der hiesigen Natur und einer Legende über die Herkunft der Hiesigen auch eine fundamentale Kritik an den Beziehungen von Bauern und Adel in frühindustriellen Zeiten.
Um hier, in der tiefen Provinz, nicht eines geistigen Todes zu sterben, führte Orzeszkowa Korrespondenz mit anderen Bürgern des alten Litauens und Größen der polnischen Kultur. Heute sind diese ein reicher Fundus für eine Kulturgeschichte der Region. Viele ihrer Kommentare über die Gegenwart des späten 19. scheinen auch zum Beginn des 21. Jahrhunderts nicht an Aktualität verloren zu haben. Drei Zitate sollen genügen.
Posted by: felixackermann
on Feb 12, 2006
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Während im Festsaal der Philharmonie die Künstler des Oschmianer Kreises ihr Bestes geben,
findet im selben Gebäude eine Rapveranstaltung für Jugendliche statt. Beginn war um 17 Uhr, der als postmodernes Piratenschiff stilisierte Nachtklub Flint ist sonst für Erwachsene reserviert. Alkohol wird um diese Uhrzeit nicht ausgeschenkt. Zu amerikanischen Rhythmen reimen die Jugendlichen auf Weißrussisch: sprich deine Muttersprache, sie ist deine Heimat, lass sie nicht liegen wie eine Brache, achte dein Vaterland, wir alle sind hier geboren, ob mit oder ohne Verstand, wir haben kein anderes Zuhause, kein Heim achte sie, deine Heimat und lass sie nicht ersticken im Keim: sprich deine Muttersprache. Einen Track weiter singen sie wieder auf Russisch, als wäre nichts gewesen. Um 19 Uhr werden die Verstärker abgeschaltet und die Grodnoer HipHoper laufen auseinander.
Posted by: felixackermann
on Feb 6, 2006
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Weißrussisch ist eine schöne Sprache. Deshalb hatte ich mir fest vorgenommen, die Zeit vor der EU-Erweiterung zu nutzen, um mich vorzubereiten auf ein größeres Europa.
Während des ersten Monats in Belarus hatte ich schon viele Wörter und Redewendungen gelernt. Es bereitete Freude, nach und nach die Illusion abzuschütteln, man müsse nur Polnisch und Russisch in dörflicher Manier vermengen, um einen sauberen belarussischen Dialekt zu fabrizieren. Weniger erfreulich war die Einsicht, ja die alltägliche Erfahrung, dass die Landessprache im Alltag der Stadt an der Memel keine Rolle spielt.
Äußerlich ist alles auf Zweisprachigkeit eingestellt, die Geschäfte sind mit latainischen i-Punkten versehen, die Schulen empfangen herzlich auf Weißrussisch und viele Denkmäler sind in beiden Sprachen beschriftet. Doch im Alltag der Massen, egal ob jung oder alt, egal ob Polen, Russen, Ukrainer oder Litauer, wird Russisch gesprochen. Beim Fahrscheinkauf im Trolleybus, beim Bier im Park oder in der Bezirksbibliothek: meine neuen Kenntnisse sind hier nicht gefragt. Nicht selten beginnen meine Gesprächspartner gar, mich zu verbessern: der dörfliche Wortlaut “tudy, siudy” hat nichts in der russischen Sprache zu suchen. Es muss “tuda, siuda” heißen. Nun bin ich des Russischen soweit mächtig, um dies zu verstehen. Niemand hier will aber verstehen, warum ein Ausländer Weißrussisch sprechen lernen will. Inzwischen tuschelt man gar, ich müsse für die Stasi arbeiten – wie sonst soll man diese exotische Neigung erklären?