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Vom Ufer der Memel: 08.02.2005

Posted by: felixackermann

Tagged in: Memel

felixackermann
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Wo einst im Getto der Untergang der Grodnoer Juden begann, liegt heute eine Außenstelle Finanzministeriums, einige Wohnhäuser, Kindergärten und Parkplätze. Man läßt die alten Häuser verfallen, um neue zu errichten. So ist die Synagoge, zum Beginn des 20. Jahrhundert mit prachtvollen Jugendstilelementen modernisiert, ein stilles Denkmal für den vergangenen Reichtum und die Größe der Grodnoer Gemeinde. Die Fassade bröckelt.

Im Eingangsbereich steht ein Sofa für die Frauen, dahinter ist ein winziger Raum hergerichtet für die fünfzehn Männer, die zum Beten kommen. Eine Frau im Kopftuch fegt den Platz zwischen Synagoge und Parkplatz. Als ich sie grüße, bleibt sie stehen, guckt mich prüfend an und fragt, woher ich komme. Aus Deutschland, wundert sie sich, ja da war ich auch mal. 1963, in Neuruppin, als Köchin bei der Armee. Jaja, aber dann bin ich wieder zurückgekehrt. Das Gebäude, ja das ist die Synagoge, zu sowjetischen Zeiten war hier alles mögliche: Lagerräume, ein Studentenwohnheim, Künstlerateliers. Nur keine Synagoge. Wissen sie, nein sie haben ja nicht in unserem Staat gelebt, ich guck mir das ja schon sechzig Jahre an, aber bei uns ist so was eben möglich. Keiner erinnert sich an die Juden. Die Kirchen und andere Denkmäler ­ alle restauriert. Nur hier will die Stadt nichts tun. Sie sieht zu, wie das Gebäude verfällt.

Ich bin Weißrussin, aus einem Dorf in der Nähe, aber 1970 habe ich angefangen die Bibel zu lesen. Von Anfang bis Ende und wieder von vorn. Und da habe ich verstanden ­ wir sollten alle die Gebote des Alten Testaments befolgen. Jesus war doch ein Jude, und die Apostel ­ auch. Da habe ich angefangen, den Samstag zu begehen, ich esse kein Schweinefleich, das ist schließlich unrein. Und wie ich so die Bibel gelesen habe, habe ich alles verstanden, da steht alles geschrieben. Und das Getto ­ das ist die Strafe für die Juden, weil sie das Königreich Gottes verlassen haben. Es steht alles in der Bibel, lesen sie nach. Ich glaube auch an Jesus Christus, aber in der jüdischen Gemeinde erzähle ich nichts davon, da kann es Ärger geben. Wissen sie, da ist so ein Priester gekommen, aus Israel, der ist noch nicht lange hier. Er wohnt dort hinten in der Straße und ich glaube er ist sehr beunruhigt über alles hier. Also wenn er nicht dabei ist, erzähle ich den Juden von Jesus Christus und dass man an ihn glauben und den Shabbat feiern kann. Aber der Priester, der wird es hier wohl nicht lange aushalten, mal sehen. Die Gemeinde ist klein, die neuen haben die Bibel nicht gelesen und sie folgen den Geboten nicht. Wollen sie die Synagoge von innen sehen? Sie schließt den Gebetssaal mit einem schweren Schloss und öffnet ein große Metalltür. Der Durchgang ist dunkel und kalt. Im Inneren öffnet sich ein großer heller Raum, in der Mitte die Bima, vier Säulen stützen ein reich verziertes, hohes Gewölbe. Die Wände sind weiß gekalkt, der Kodesch leer. Meine Begleiterin erklärt mir: die Synagoge ist viel zu groß, wir können sie nicht bewirtschaften. Nur im Sommer feiern wir hier, wenn es wärmer ist. Aber sie sollten die Bibel lesen, von vorne bis hinten, immer wieder, dann werden sie alles verstehen, alles steht dort geschrieben. Gott sei mit euch!