Posted by: felixackermann
on Feb 29, 2004
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wenn in deutschen Medien die Existenz einer Republik namens Belarus überhaupt Erwähnung findet, so zumeist in düsteren Tönen. Zurecht werden der autoritäre Präsident Lukashenka und seine Politik kritisiert, eine Öffnung des Landes nach dem Westen des Kontinents gefordert. Und doch verstärkt die politische Berichterstattung genau die Isolierung, der man entgegenwirken will. Erscheint doch das Land als entlegener Winkel einer fernen post-sowjetischen Welt. Die Isolation beruht so nicht nur auf der außen –und innenpolitischen Abschottung Lukashenkas sondern auch auf der Mischung von Desinteresse und Verbissenheit seitens der westlichen Nachbarn. Dabei gibt es in Weißrussland mehr zu entdecken, als sterile Präsidentenpaläste und verfallende Fabriken. Das Land ist größer als die Hauptstadt Minsk, die mit ihrem Stalinalleeflair alle Stereotypen der sozialistischen Stadt zu bestätigen scheint. So zeigt ein Blick in die Regionen durchaus ein vielgesichtiges Land, in dem die Frage nach der Zugehörigkeit zu Europa lächerlich wirkt. Weißrussland hat schon immer in Europa gelegen und wird immer dazu gehören. Indes wird es auch immer Grenzland zwischen Ost und West, Orthodoxie und Katholizismus, post-sowjetischen und EU-europäischen Einflüssen bleiben.
Ein Ort an dem dies besonders deutlich wird, ist Grodno. Hier im litauisch-polnischen Grenzgebiet fühlt man sich zugleich in einem Vorort Wilnas und in einer sowjetischen Industriestadt, hier ragen orthodoxe und katholische Kirchtürme in den Himmel, hier leben bei allen Spannungen Weißrussen, Polen, Russen, Litauer, Juden und Tataren friedlich zusammen. Und doch liegt Grodno heute weiter von Wilna und Warschau entfernt, als vor hundert oder noch vor fünf Jahren, als die St. Petersburger Eisenbahn die Städte miteinander verband. Zum einen führte Belarus ein Transitvisum ein, das die Durchfahrt für Ausländer zu einem teuren Vergnügen werden ließ, sodass die Zugroute nicht mehr rentabel war. Zum anderen verschärften die neuen Visaregelungen Polens und Litauens im Vorfeld der EU-Osterweiterung die Situation an der Grenze. So wird Weißrussland mit der nahenden EU-Erweiterung ein Stück weiter weg liegen als zuvor. Gleichzeitig rückt es in den Fokus der europäischen Öffentlichkeit, die sich fragt, was hinter dieser neu entstehenden Grenze wohl liegen mag. Doch erneut – Berichte über Schmuggler, Militär und Staatsgewalt.
So sollen an dieser Stelle in naher Zukunft und loser Folge Notizen vom Ufer der Memel den Blick für die Gegenwart und Vergangenheit eines Teils der Republik Belarus schärfen - alltägliche Beobachtungen, kleine Reportagen über „die Hiesigen“ und Begegnungen mit alten und jungen Bürgern der Stadt.044444