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Vom Ufer der Memel: Die Großmutter erzählt

Posted by: felixackermann

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Ein grauer Dezembertag brachte neues Leben in unsere Stadtkolchose. Gerade war mein Vater gestorben, von heute auf morgen. Die Tochter kehrte kurz zuvor aus Moskau zurück – mit ihrem chinesischen Mann hat es doch nicht geklappt: sie hatte ihn nicht zu einem Europäer erziehen können, den alten Dickschädel.

Der Sohn sitzt noch immer bei Muttern auf dem Schoß, obwohl er längst aus dem Haus sein sollte. Ich habe inständig dafür gebetet, dass endlich Ruhe einkehrt, damit ich nicht von morgens bis abends mit den Sorgen meiner Kinder lebe. Den Enkel hatten wir natürlich zu uns genommen – schließlich hat er es von uns näher zur Schule und überhaupt müssen wir auf den ein Auge werfen – sonst missrät er noch wie mein eigener Sohn, dieser Taugenichts. Der brachte es doch in einem einzigen Jahr fertig, sein Studium zu schmeißen, eine Kreatur von Frau zu heiraten, die nicht einmal kochen konnte, sich von ihr scheiden zu lassen und eine andere zu schwängern. Weil der Lump dann seiner Exfrau mit einer Pistole gedroht hatte, um den Fernseher zurück zu bekommen, musste er am Augustowski Kanal drei Monate Zwangsarbeit leisten. Ach der Junge, dieses Rabenaas, was hätte aus dem nicht alles werden können, so ein schlaues Bürschchen ist der eigentlich. Ich weiß auch nicht was wir falsch gemacht haben. Aber nun ist es wie es ist. Eine Woche nach dem Tod meines Vaters stand jedenfalls eine Unbekannte mit einem Kind auf dem Arm vor unserer Tür. Sie hat es abgegeben, wie man einen geborgten Gegenstand zurückgibt. Und so wuchs unsere Kolchose um eine Person an, mein Sohn wurde plötzlich wirklich zum Vater und ich durchlebe erneut all diese Nächte, die ich längst vergangen glaubte. Herr im Himmel, natürlich kümmern wir uns um dieses Kind, schließlich werden wir es doch nicht in ein Heim geben. Wir sind schon im Krankenhaus gewesen, der Kindergartenplatz ist angemeldet und mein Sohnemann steht Gewehr bei Fuß, wenn es schreit. Aus heiterem Himmel zu Weihnachten noch einmal Oma zu werden, ist schon ein besonderes Geschenk. Aber wir nehmen das Lebens wie es kommt.


Vom Ufer der Memel: 11.12.2005

Posted by: felixackermann

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Wenn sich der Monat dem Ende neigt, wird auch das Geld fürs Essen in der Familienkasse knapp. Die besseren Tage sind dann gezählt.

Die Hausherrin zieht nicht mehr voller Elan auf den Basar, um in aller Herrgottsfrühe vor dem Andrang der Massen ein paar gute Stücken Fleisch zu ergattern, dem Fisch ins Auge zu sehen und um den Preis der Gurken zu feilschen. Sie steht nicht mehr in der dampferfüllten Küche, um zu köcheln und brutzeln – für ihre Männer. Und was brauchen richtige Männer, um gesund zu sein: sie brauchen Fleisch, jeden Tag. Stattdessen gibt es nun Eierkuchen mit Quark, Eierkuchen mit Sahne und nochmals Eierkuchen mit Marmelade. Und die leicht resignierte Stimme der Frau für alle Lebenslagen stöhnt: was solls, in ein paar Tagen zahlt unser Väterchen mein Gehalt, dann geht’s wieder rund. Zwischendurch gibt’s noch eine Gemüsesuppe und wenn selbst für Sahne und Milch das Geld ausgeht und der Vater Staat wieder ein, zwei Tage mit den Einkünften seiner Bürger spekuliert, greift sie zu ihrer stillen Reserve. Der chinesische Schwiegersohn, der zur Begrüßung immer fragt, ob in der Zwischenzeit auch niemand Hunger leiden musste, hat sie aus Moskau geschickt. Die kleine Pappschachteln, sind vier Zentimeter lang und einen halb hoch und gefüllt mit blass-bräunlich Krümeln. Sechs, sieben Packungen füllt die Hausherrin mit siedendem Wasser auf. Das ergibt einen ganzen Kochtopf schleimiger Pilze, Baumrindenpilze, sehr gesund, erklärt die selbst etwas verunsicherte Köchin und brät sie am nächsten Tag mit dem letzten Stückchen Speck und etwas Zwiebel. Es schmeckt wie immer vorzüglich. Doch gut, dass das nächste Monatsgehalt bereits auf dem Konto ist. Nun kann der Nahrungszyklus wieder von vorne losgehen.


Vom Ufer der Memel: 03.12.2005

Posted by: felixackermann

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Die Kulturkollektive des Kreises Oschmiany spielen in der Bezirkshauptstadt vor

Der einstige Kulturpalast der Chemiearbeiter heißt heute Philharmonie. Sein Festsaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Jeder Betrieb hat eine Delegation entsandt und jede Verwaltung hat einige Opfer ausgemacht. Der Rest der Plätze wird von Rentnern und Soldaten gefüllt. Ihre Aufgabe: fröhlich sein und klatschen, wenn die Kulturschaffenden des Kreises Oschmiany ihre Künste vorführen.

Tanzgruppen jeder Altersklasse imitieren Folklore. Die lokalen Größen geben mit Mundbewegungen Gesang vor, der von der Konserve kommt. Ein Fünfundvierzigjähriger brummt: „Meine Jugend, Belarus, die Lieder der Partisanen, meine Jugend…“ Ein Schüler trägt ein Gedicht vor: „Die Stille zwischen uns und den Toten wird immer eindringlicher.“ Dann nimmt der Kinderchor des Vorzeigeinternats Aufstellung, die Direktorin bringt ihre lila Haarpracht in Form und malt mit dem Taktstock eine Elegie: „Jeder Dritte, jeder dritte Belarus fiel im Krieg, jeder Dritte ist jetzt im Himmel und hört dieses Lied, wir werden nichts und niemanden vergessen!“ Eine Minute später beginnt die Direktorin plötzlich im Takt eines Discofoxtrotts zu wippen und der Chor trällert: „Wir sind Kinder der Sonne, die auch im 21. Jahrhundert scheint, auf das es sonnig sein wird.“

Auf dem Gang wimmelt es von Menschen in dörflichen Leinenkleidern. Eltern nehmen ihre Kinder in Empfang, andere proben noch einmal für den großen Auftritt. Die Bibliothek hat eine kleine Ausstellung über die Gegend im Norden des Bezirks vorbereitet. Die Auslage ist gefüllt mit sowjetischen Büchern über Sehenswürdigkeiten und Helden des Großen Vaterländischen Krieges. Auf von Hand gemalten Infotafeln erfährt der Besucher, dass der Kreis Oschmiany 37.500 Einwohner zählt, davon 15.800 in der Stadt. 1311 sind im Krieg gefallen, heute sind noch 92 Kriegsteilnehmer sowie 44 ehemalige KZ-Häftlinge am Leben, von denen 20 als Minderjährige verschleppt wurden. An den Türen kommt es derweilen zu Rangeleien – die Konzentration des Pflichtpublikums lässt nach, aber die Aufpasserinnen lassen niemanden raus und niemanden rein.