Posted by: felixackermann
on Apr 8, 2005
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Die Nachricht vom Tod Johannes Pauls II. durchdrang in Windeseile die ganze Stadt. Die Pfarrkirche läutete bis Mitternacht. An allen Klöstern und Kirchen hängt seitdem die Fahne des Vatikans. Selbst die Bier trinkende Horde auf dem Sovietzkaja Platz löste sich vor Ehrfurcht am Samstagabend früher auf als sonst. Selbst der Präsident des Landes äußerte sich freundlich über das verschiedene Kirchenoberhaupt. Wojtyla hätte sozialstaatliche Systeme wie das im heutigen Weißrussland von ganzem Herzen unterstützt, er sei nicht nur ein Slawe gewesen sondern auch ein großer Mensch von Welt.
Im katholischen Nordwesten des Polizeistaats können Kirchenglocken, was den Sterblichen längst verwehrt ist: ein Zeichen setzen. Seit dem Tod läuten sie täglich mehrmals stundenlang zum Gebet. Vor der barocken Pfarrkirche harren den ganzen Tag lang Gläubige aus, um für die Seele ihres Papstes zu bitten. Jemand hat eine Lebensgroße Styropor-Figur ausgeschnitten und ein Abbild seiner sterblichen Gestalt aufgeklebt. Dieses thront über einem Meer aus Blumen und Kerzen, ein langer schwarzer Flor weht im Wind. Am Abend versammeln sich Dutzende Katholiken der Stadt vor der Kirche, um polnische Choräle anzustimmen. Inzwischen hat jemand auch ein nationales Zeichen gesetzt: ein kleine polnische Flagge mit dem Versprechen: wir lieben, wir werden nicht enttäuschen. Im Kreis stehend, Hand in Hand, singen junge und alte Grodnoer: Vater, Vater, unser.
Währenddessen sammeln Aktivisten der Polnischen Schule Unterschriften für die Umbenennung einer Straße der Stadt zu Ehren von Johannes Paul II. Bisherige Versuche von Bürgerinitiativen, der Stadt neue, nicht sowjetische Namen zu verleihen, scheiterten: selbst der Name des größten weißrussischen Schriftstellers der Nachkriegszeit, Vasil Bykau, der viele Jahre in Grodno gelebt hat, war es nicht wert, um den Prospekt des Lenin-Komsomok abzulösen. Die Stadtoberhäupter können nun also beweisen, wie sie es mit dem Papst und damit auch mit den Worten des Präsidenten halten. Die provisorische Papststatue auf rotem Grund wiegt sich derweil im Wind. Sein Abbild beginnt sich bereits vom Styropor zu lösen.
Posted by: felixackermann
on Apr 6, 2005
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Ach wissen sie: Die Weißrussen die sollen mir nicht mit der alten Leier ankommen. Sie hatten doch alles, was sie brauchten, weißrussische Schulen und Unterricht in weißrussischer Sprache. Aber die wollten das nicht, die alten Prolls. Einmal vom Dorf in der Stadt angekommen, haben sie doch versucht ihre Muttersprache, ihren dörflichen Dialekt abzulegen. Man könnte ja denken, sie seien vom Dorf. So sprachen sie alle Russisch, mehr schlecht als recht, aber ihre Tradition haben sie freiwillig abgelegt, keiner hat sie dazu gezwungen, keiner. Mir kann keiner was vormachen. Ich bin eine reine Russin, aus Sibirien, ich habe sonst wo gelebt in der SU, aber hier habe ich meine Tochter natürlich in eine weißrussische Schule geschickt. Und als der Schnurrbärtige Russisch als zweite Amtssprache eingeführt hat, da wurden die Eltern gefragt: in welcher Sprache sollen ihre Kinder weiterlernen. Von 32 belarussischen Kindern hat nicht ein Elternpaar für Weißrussische optiert. Wir waren die einzigen.
Posted by: felixackermann
on Apr 2, 2005
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Es ist der Tag der Vereinigung des weißrussischen und des russischen Volkes. Überall in der Stadt ist geflaggt, der Lenin-Platz leuchtet grün und rot. „Lass uns ins Kuferak gehen – da gibt’s wenigstens normale Musik“, hatte ich bei meinem Kumpel für die Vorzüge der kleinen Kellerkneipe in der Wilenskaja geworben.
Doch nun sitzen wir zwischen einem Schwarm von achtzähnjährigen Schönheiten, die ganz aus dem Häuschen sind, weil heute Abend Karaoke angesagt ist. Und schon drängeln sie sich auf Zehnspitzen vor der Bar. Auf dem Kühlschrank wurde ein winziger Fernseher installiert, über den Bildschirm flackern sowjetische Trickfilme, die Worte werden eingeblendet. Was es da nicht alles gab: Hase & Wolf, die Bremener Stadtmusikanten, Alice im Wunderland, Bärchen, Häschen und Igelchen, die gemeinsam Kamille sammeln und viele mehr. Eine Welt ohne Mickey Mouse & Donald Duck, so groß, menschlich und voll Liebe, dass die jungen Weissrussen mit einem Bier in der Hand und Tränen in den Augen mitkichern, gröhlen und singen. Musikalisch geht die Reise in die Höhlen eines imaginären Pionierpalastes: in einem Gewölbe brummt Akudzhawa zur Gitarre die Alices Abenteuermelodien. Shostakovich stellt mit Hingabe eines seiner Kinderwerke vor. Dann sind da vielen Zimmer mit Plingplongplautzmusik à la Hopsassaundtralalla und nicht zu verachten: im Festsaal findet ein großes Pillepalle-Abschlusskonzert der Kapelle der bewaffneten Streitkräfte statt, die zur Unterhaltung der Großeltern jener fispeligen Junashej-Jünglinge Gartentanzmusik spielen: etwas ins kindliche gezogene Großstadtromanzen und Gartenlaubenplauschmusik, allesamt Diskofoxtrottkompatibel, kurzum: plärrige Schnulzen. Kurz vor elf Uhr erklingt wie zu jedem Feierabend der weißrussische Kuschelrocksong: Prostya Slovy, einfache Worte und die Schau ist vorüber.