Posted by: felixackermann
on Apr 30, 2004
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Freitag Nachmittag. Die Kassiererin des Museums meint, dass bald Feierabend sei. Es verbleiben noch anderthalb Stunden. Im ersten Obergeschoss des einstigen Schlosses sitzen zwei Frauen und lackieren sich die Fingernägel. Gelangweilt fragt eine von ihnen, ob ich mir die Ausstellung wirklich ansehen will. Sie sei sehr groß. Das Licht im ersten Raum geht an. An den Wänden Kopien von Privilegien der Litauischen Großfürsten und ein Portrait von August dem Starken, der als König von Polen das Schloss errichten ließ. Die Aufseherin wird nervös. Etwas weiter Portraits des königlichen Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann und seiner Gattin. Eine Kopie der Schlossansicht wurde mit einem neuen Schriftzug versehen. So erscheint das 18. Jahrhundert heute als weißrussische Epoche, obwohl der hiesige Adel Polnisch sprach. Die Aufsicht wird ungehalten. In einem Schaukasten liegt noch etwas Silberbesteck aus, an der Wand hängt das Abbild von König Stanislaw August Poniatowski, der das Rokoko-Schloss bald zugunsten des Klassizismus umbauen ließ. Von den Sitzungen des Sejm, die hier abgehalten wurden, keine Erwähnung. Vom späteren Schicksal des Bauwerks als Lazarett keine Spur. Die zweite Aufseherin verlässt ihren Fensterplatz nur ungern und führt mich in einen Saal mit ausgestopften Tiere, die Exponate des zoologischen Museums. Meine Begleiterin ist erstaunt, dass ich nur kurz verweile. Am Ende des Korridors erscheinen plötzlich zwei Gemälde von 1991: die Schlacht von Tannenberg als belarussische Erfolgsgeschichte. Und der litauische Großfürst Witold als belarussischer Herrscher. Dahinter Räume mit Vitrinen voller Rüstungen, Schutzschilde und Schwerter.
Meine Begleiterin ist verschwunden. So schleiche ich durch die Säle mit Kanonen, Gewehren und Pistolen. Plötzlich erhebt sich eine Frau aus dem Halbdunkel: Was machen Sie hier. Erschrocken erwidere ich: Ich bin ein Besucher. Aber sie wissen doch, dass wir bald schließen?. Ich gehe ja schon. Den einstigen Empfangssaal des polnischen Königs füllen bunte Puppen. Die Besucher bewundern ihre Mienen; Trauer, Heiterkeit und Wahn liegen nah beieinander. Ich bemerke eine halboffene Tür. Hier muss die königliche Kapelle gelegen haben. Die Aufseherin fragt grimmig: Was wollen sie? Dann schaltet sie das Licht ein und räumt ihre Stullendose und einige Plastikbecher von der Heizung. Der Raum ist vollgehangen mit Wanduhren. An manchen Stellen Stehuhren. In den Vitrinen Taschenuhren. Vom König keine Spur. Aber es bleibt noch der ehemalige Senatssaal. Hier muss 1793 der stumme Sejm abgehalten worden sein die stillschweigende Zustimmung des Adels zur zweiten Teilung Polens. Ein großer Raum mit einem Kronleuchter und einem Hammer-und-Sichel-Stuckband. Die Ausstellung zeigt Zinnfiguren und Modelleisenbahnen. Eine halbe Stunde vor Feierabend betrete den Hof. Am Tor entdecke ich die einzigen Spuren des Königsschlosses. Zwei von der Witterung zerschlissene Rokokosphinxe.