Vom Ufer der Memel: Sie können nicht anders
Geschrieben von:
felixackermann
am Mär 15, 2006
Wenn Andrzej Poczebut gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, macht er weiter, wo er aufgehört hat. Er schreibt für die polnische Minderheit über die sowjetischen Verfolgungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg genauso wie über die Repressionen des Bundes der Polen zum Beginn des 21. Jahrhundert.
Zusammen mit seinem Kumpel Andrzej Pisalnik füllen sie ein ganzes Magazin unter verschiedenen Pseudonymen. Denn von den Polen vor Ort ist niemand sonst so mutig und verrückt zugleich, um dauerhaft mit den Windmühlen des Regimes zu kämpfen. Sie hatten früher ganz friedlich für die Zeitung der polnischen Minderheit gearbeitet. Doch dann wurde diese zunehmend regimetreu und sie mussten gehen. So wurden sie zu den journalistischen Musketieren des Grodnoer Strippenziehers Markiewicz, dessen Zeitung Pahonia sie von nun an mit ihren kompromisslosen Nachrichten füllten. Hier wurde kein Blatt vor den Mund genommen, hier arbeitete man frontal gegen Alexander Lukashenko, ohne Rücksicht auf Verluste. Markiewicz saß in Folge mit einem Kollegen wegen Präsidentenbeleidigung ein, die Pahonia wurde geschlossen. Im Internet wurde weiter gekämpft. Markiewicz hat nach der Freilassung keine Zeit verstreichen lassen und umgehend die neue Wochenzeitung „Den“ – „Der Tag“ herausgegeben. Erneut folgen Durchsuchungen, Konfiszierungen, Geldstrafen.
Als im Bund der Polen eine neue demokratisch gesinnte Führung gewählt wird, kommen Poczebut und Pisalnik als Geheimwaffen zum Einsatz. Sie sollen das Organ der Minderheit, „Die Stimme vom Ufer der Memel“, auf Vordermann bringen, nachdem es zu einem Rentnerblatt verkommen war. Und was tun sie? Pünktlich zu den Feierlichkeiten der Befreiung Weißrusslands durch die siegreiche Rote Armee, titeln sie: für uns war es keine Befreiung. Ausführlich beschreiben sie das Schicksal der polnischen Heimatarmee, die im Nordwesten des Landes als Banditen und Terroristen bekämpft wurden, obwohl sie allein ihr Vaterland verteidigten. Innerhalb von wenigen Wochen wird ihnen der Druck in der Bezirksdruckerei verwehrt, eine legale Alternative gibt es nicht. Stattdessen erscheint ein Nacht-und-Nebel-Double der „Stimme vom Ufer der Memel“, die die Wahrheiten des Regimes verbreitet. So bleibt Poczebut und Pisalnik nichts anderes, als ihr Blatt von Polen aus herzustellen. Zuvor kommen sie aber noch für eine Protestaktion auf dem Grodnoer Leninplatz für zwei Wochen ins Gefängnis. Und so geht es immer weiter. Trifft man sie, sind sie stets in bester Laune. Sie wissen was sie tun und glauben fest daran, dass auch dieses Regime eines Tages untergehen wird. Steht man erstmal außerhalb der durchherrschten Gesellschaft, lebt es sich leichter. Den Preis für diese Freiheit zahlen vor allem die Angehörigen, die in ständiger Angst leben und die ihre Arbeit verlieren. Nur wenige sind bereit, diesen zu zahlen. Derzeit sitzt Andrzej Poczobut erneut für zehn Tage hinter Gittern - er hat angeblich gegenüber einem Polizisten ein grobes Wort in den Mund genommen. Vorwand genug, ihn für die Zeit der Wahlen aus dem Verkehr zu ziehen.
Eilmeldung: inzwischen wurde auch Andrzej Pisalnik von der Miliz festgenommen. Der Vorwand ist noch nicht bekannt. Dass er für die Zeit der Wahlen hinter Gitter kommt, versteht sich von selbst.