Vom Ufer der Memel: Grodno nach der Wahl
Geschrieben von: felixackermann
am Mär 29, 2006
In Grodno geht nach der Wahl alles seinen Gang, als hätte sie gar nicht stattgefunden. Nur einige Werbeposter und Busaufschriften erinnern noch an die rot-grüne staatliche Kampagne „Für Belarus!“. Über das Schicksal der verhafteten Aktivisten, die in Minsk auf dem Oktoberplatz ausharrten ist hier in der angeblichen Hochburg des Nationalen nicht viel bekannt.
Dass man nun um Milinkiewicz fürchten muss, wissen hingegen nicht nur Eingeweihte. Viele sind sich hier sicher, dass ihm in Grodno jede dritte Stimme gehörte. Andere behaupten, dass selbst ohne Fälsch in der Sieldung Foliusz am Stadtrand, wo die demobilisierten Armeeangehörigen leben, 75 % für Alexander Lukaschenko gestimmt haben. Die Oppositionskreise sind dennoch nicht wie vor fünf Jahren in Ratlosigkeit versunken. Sie haben das Gefühl, dass etwas geschehen ist, dass ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen ist. Dieser ist freilich auf der Straße oder im Trolleybus nicht zu spüren, aber gemeint ist auch eine Veränderung des inneren Zustandes. Diese nehmen vor allem die Aktivisten selbst wahr, denn viele von ihnen haben nicht mehr daran geglaubt, dass man unter den gegebenen Umständen etwas erreichen kann.
Im Bezirksarchiv jedenfalls ist alles beim Alten. Nur eine Sonderausstellung und ein rot-grünes Plakat im Lesesaal deuten auf die Wahlen hin. Die Ausstellung setzt die demokratischen Wiederwahlen Alexander Lukaschenkas als Staatsoberhaupt in den rechten Kontext: nach kurzer Erwähnung der Wahlen ins polnische Oberhaus in den Jahren 1930 und 1935 erscheinen an Wandzeitungen ausführliche Auszüge aus Dokumenten der Jahre 1940, 1946 und 1956, als Grodno sowjetisch war: das Volke durfte damals im demokratischsten Land der Welt seine selbst erwählten Vertreter in den Obersten Sowjet der UdSSR entsenden. 1951 war das zufälliger Weise und aus gänzlich freien Stücken Nikita Chrushchov. In Parteidokumenten, die in Vitrinen ausgelegt sind, werden immer neue Erfolge der Vorbereitung der Wahlen verkündet. Eine genaue Aufstellung der durchgeführten Informationsveranstaltungen wird gezeigt (damals sprach man noch wertfrei von Propaganda), die Anzahl der Teilnehmer wird genau angegeben, Probleme bei der Durchführung angesprochen. Im nahen und heute in Polen liegenden Städtchen Sokólka waren bei 34 Kundgebungen 950 Teilnehmer, die 25 Informationsveranstaltungen unter dem Motto „Die Lage vor den Wahlen“ waren mit 1000 Personen noch besser besucht. Der Macher der Ausstellung, ein Mitarbeiter des Archivs, gibt zu, dass er die Ausstellung in Eile vorbereitet hat, dass sie eh niemanden interessiert und dass der Anlass die Präsidentenwahlen waren. Man ist hier so weit abgestumpft, dass der doppeldeutige Bezug einer freien Wahl unter Lukaschenko im 21. Jahrhundert und stalinistischen Wahlprozeduren in den 1940er und 50er Jahren niemandem mehr auffällt.



