Vom Ufer der Memel: Die Stadtverwaltung

Geschrieben von: felixackermann

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Es ist einer jener Tage, an denen den Heimatforschern, Lokalpatrioten und Alteingesessenen der kulturelle Herzstillstand droht. Die Stadtverwaltung hat begonnen, eines ihrer neumodischen Projekte zu realisieren.

Auf dem ehemaligen Marktplatz, der heute Sowjetskaja heißt, walten nun Bagger, Planierraupen und Bauarbeiter, denen die Schichtungen der Vergangenheit unter dem Platz herzlich egal ist. Im Stillen machen die Patrioten der Altstadt Fotos, sie drehen Videofilme und inzwischen ist sogar eine eigene Homepage über den Stadtumbau entstanden: Grodnoproblem, die den stillen Protest manifestiert. Doch die Bauarbeiten werden in Eile weitergeführt, denn bis zum Festival der nationalen Kulturen Anfang Juni muss der zentrale Platz der Stadt in neuem, matten Formsteinglanz erstrahlen.

Dieses Phänomen ist keine Grodnoer Besonderheit. Als zum Beginn der 1990er Jahren der Kapitalismus in Polen Einzug hielt, wurde das ganze Land mit grauen und dunkelroten Formsteinen gepflastert, die als Polbruk bekannt wurden. Es handelte sich um eine symbolische Befreiungsaktion vom Beton- und Staubmuff des Sozialismus und galt als der letzte Schrei. Nun, da man in Polen beginnt, zu begreifen, dass der gemeine Polbruk nicht zu den besten Baumaterialien gehört, ist auch Aliaksandr Lukashenka auf den Geschmack gekommen: er lässt sein ganzes Land mit grauen und dunkelroten Formsteinen pflastern.

Die weißrussische Variante des Formsteinsyndroms lässt es zu, zwei zentrale Mechanismen des Staates zu verbinden: eine umfassende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Bauarbeiterkollektive und die Konjunktur der Formsteinindustrie stärkt die allgegenwärtige Selbstversicherungsrhetorik: wir leben heute besser als gestern, wir versorgen unsere Dörfer und Städte flächendeckend mit grauen und dunkelroten Formsteinen. In Grodno pflastert man außer dem Sowjetskaja Platz gerade alles, was bis vor kurzem noch an sowjetischen Beton erinnerte: das Soldatengrab im Stadtpark wurde mit Formsteinen umringt, das linke Memelufer wurde neu gepflastert und auch die Uferstraße am Fuße des Schlossberges sowie die Brücke zwischen altem und neuen Museum wurden neu im Formsteinlook gestaltet.

Einziges Problem: bereits nach kurzer Zeit zeigt sich die niedrige Qualität der Steine. Die Oberfläche platzt selbst dort ab, wo keine Autos fahren. Die Betonplatten, die in der Zwischenkriegszeit von der polnischen Stadtverwaltung auf dem zentralen Markt verlegt wurden, als er noch Stefan-Batory-Platz hieß, sind hingegen noch heute eben. Genauer gesagt: bis gestern waren sie eben. Inzwischen wurden sie gestapelt zum Abtransport bereit gestellt. Noch immer ist auf einigen Plattten die polnische Inschrift zu erkennen: Magistrat Miasta Grodno. Man tuschelt, dass sie sicher auf einer Datscha der Stadtoberhäupter landen werden. Einige Enthusiasten haben sich ein Erinnerungsstück gesichert.

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