Vom Ufer der Memel: Das Festival der nationalen Kulturen

Geschrieben von: felixackermann

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Vom 2. - 4. Juni 2006 findet am Ufer der Memel wieder das Festival der nationalen Kulturen statt. Das Großereignis hält die Stadt bereits Monate zuvor in Atem. Anbei finden sie das Tagebuch einer Exkursion zum Festival 2004. Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter Grodno

Unterwegs nach Grodno

Die Schaffnerin des ukrainisches Waggons blickt mißtrauisch auf das polnische Gruppenticket. Im Zug ist es stickig. Gleich nach der Abfahrt aus Frankfurt (Oder) laden Tomek, Lukasz und Phillip, der Viadrina-Jiddisch-Klub, auf einen Schluck Wein ein. Siebzehn Studenten aus Polen, Deutschland, Bulgarien und Estland stehen tuschelnd auf dem Gang und begeben sich mit einem Plastikbecher in der Hand auf die Reise von West nach Ost: nach den Weingebieten in Chile und Calfornien durchstreifen sie die Hänge in Spanien und Italien. Bald ermahnt sie die Schaffnerin, dass es Zeit zum Schlafen sei. So gelangen sie nicht mehr nach Ungarn und Moldavien. Doch im Abteil des Jiddisch-Klubs geht die Reise weiter — diesmal in die Vergangenheit. Tomek zieht eine Schwarz-Weiß-Kopie mit hebräischen Zeichen aus der Tasche und liest auf Jiddisch das Märchen von den 36 Weisen vor. Er erklärt einzelne Wörter, schweift ab und beginnt die Geschichte der Sprache zu erläutern. Die anderen lachen über den Eifer. Es findet sich noch eine Flasche Wein und jemand zaubert eine große Tüte mit Hähnchenschenkeln, Tomaten und Brot hervor. Lange nach Poznan gehen die letzten erschöpft in ihre Abteile. Zwei Stunden später, am Horizont geht gerade die Sonne auf, rüttelt die Schaffnerin an den Türen — in einer Stunde sind wir in Warschau. Von hier ist es nicht mehr weit. Die dreihundert Kilometer in die weißrussische Grenzstadt legen wir mit drei mal Umsteigen in fünf Stunden zurück.

Janeks Stadt

Nach dem Essen in der Mensa der Janka-Kupala-Universität führt uns Janek Lelevich, ein Absolvent der historischen Fakultät, durch seine weißrussische Stadt. Die Architektur der orthodoxen Kirche aus dem 19. Jahrhundert gefällt ihm nicht — sie sei zu russisch. Die von polnischer Seite vorgenommene romanische Stilisierung der nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengten katholischen Kirche, von der heute nur ein leerer Platz im Zentrum zeugt, bereitet ihm gleichsam Bauchschmerzen — sie passe nicht in die Gegend. Vor dem Denkmal für die gefallenen Soldaten der Roten Armee steigert er sich zur These, dass es sich bei der Befreiung Weißrusslands vor sechzig Jahren, an die in der ganzen Stadt sowjetisch anmutende Plakate erinnern, in Wirklichkeit nur um einen Regimewechsel gehandelt habe. Immer wieder rümpft er die Nase und meint: Seht nur, was die Bolschewiki angerichtet haben. So wurden zwei große Aufmarschplätze in die alte Stadt gezwängt, zerstörte Viertel nicht wieder aufgebaut. Wo im 18. Jahrhundert der Schatzmeister des litauischen Großfürsten einen botanischen Garten anlegen ließ, drehen sich heute Karussels, Popmusik schallt über die Wiesenflächen. Bier trinkende Jugendliche starren uns an, eine Frau im gelben Minikostüm erscheint mit einen übergroßen Plüschpinguin an ihrer Seite, um für eine neue Limonade zu werben. Alles ist sehr lustig bis Janek bemerkt, dass die Gäste aus dem Ausland Sonnenblumenkerne verspeisen und die Schalen auf die Betonwege fallen lassen: Ihr seid ja schlimmer als die Bolshewiki.

Weißrussland als Vielvölkerstaat?

Ganz Grodno ist auf den Beinen, die großen Betriebe haben bei der Vorbereitung mitgewirkt, die Schulen sind involviert, die Miliz hat mobilisiert und die Stadtverwaltung wird alle zwei Jahre zu einer großen Eventagentur: das Allweißrussische Festival der nationalen Kulturen steht an. Aus dem ganzen Land reisen Tausende Gäste an, um die ethnische Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, zu repräsentieren. So schlendern Grüppchen jeden Alters in volkstümlichen Trachten durch die Altstadt. Überall wehen belarussische Flaggen, das regenbogenfarbene Logo des Festivals schmückt jedes zweite Haus. Auf dem großen Plakat, das in allen Schaufenstern hängt, wird jede Ethnie durch ein folkloristisches Piktogramm symbolisiert. Die Deutschen tragen Bierkrüge, Polen spielen auf der Geige, Russen auf der Balalaika. Das Festival wird von oberster Ebene koordiniert, der Präsident selbst hat sein Orchester geschickt, die Vorstellung des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Gruppen ist in Belarus tief verwurzelt. Wir sind friedfertige Leute heißt es in der Hymne, die Toleranz der Weißrussen ist hier fast sprichwörtlich, so sei eben die Mentalität der Leute. So ist die Idee des Festivals gleichzeitig Ausdruck der Staatsdoktrin von Alexander Lukaschenka und des Volksglaubens. Es wirkt, als würde in sowjetischer Manier in der homogenisierten Bevölkerung die Differenz zum feiertäglichen Anhängsel, etwas für Laiengruppen, eine gute Beschäftigung für Kinder und Rentner. Folklore scheint hier nicht Alltag, sondern etwas für den Pionierpalast, die Laiengruppe, das Museum zu sein. Oder ist es doch mehr als nur Beigabe?

Der gemeinsame Einzug

Sportler tragen ein grün-blaues Fahnenmeer an der Spitze des Zuges. Tänzerinnen folgen im rot-weiß-bestickten Leinenkleid. Den Takt gibt das Polizeiorchester an. Eine Blume in den Farben des Regenbogens und eine übergroße Geburtstagstorte rollen auf einem Auto durch die Wilnaer Straße: das Festival findet in zehn Jahren zum fünften mal statt. Alle zwei Jahre ziehen die Teilnehmer vom Hotel Belarus in die Altstadt. An jeder Straßenecke Miliz. Nach dem Eröffnungsbild folgt ein Jugendblasorchester. Mitteleuropäische Marschmusik mischt sich mit Samba. In alphabetischer Reihenfolge schreiten die Vertreter der nationalen Kulturen durch Grodno. Die Armenier sind froh gestimmt, spielen zum Tanz auf. Die Azerbaidzhaner sind nur spärlich vertreten. Die Dagestaner geben sich betont fröhlich. Zwischen jeder Fraktion läuft eine Weißrussin und hält ein Schild mit dem Namen der nationalen Gruppe in weißrussischer Sprache in die Höhe. Es folgen Georgier, Griechen, Kosaken, Kasachen, Koreaner — historische Minderheiten des Litauischen Großfürstentums wechseln sich ab mit den Nachkommen der Migranten, die zu sowjetischen Zeiten in die belarussische Republik gelangten. Obwohl die Vereinigung der Litauer in Weißrussland offiziell die Teilnahme am Festival verweigert hat, laufen im Zug einige Litauerinnen in Kostümen. Juden aus Minsk und Grodno schreiten mit ernster Mine durch die Straßen der einst jüdischen Stadt. Dahinter bunt verkleidete Vertreter der Moldauer, Tataren, Türkmenen und Tschuwaschen. Die Ukrainer sind mit einem lautstarken Kosaken auf einem PKW der Marke Zhiguli vertreten. Aus den Reihen des Publikums kommt Beifall. Uzbeken, Zigeuner und Tschuwaschen laufen tänzelnd hinterher, als ein Blasorchester aus Polen um die Ecke biegt. Rot-Weiße Fahnen, Wimpel, Stafetten. Die Polen haben sich gut vorbereitet. In einem Zug aus mehreren Tausend schreiten sie stolz durch ihre Stadt. Alle haben sich fein gemacht. Der Botschafter ist aus Minsk gekommen. Die Funktionäre der Minderheit gehen voran. Diese Präsenz wird nur von einer Gruppe übertroffen. Ob Minderheit oder nicht: sie sind mehr als die Polen, ganze Schulen sind angetreten, die freiwillige Feuerwehr, die Universität, ganze Betriebskollektive. Der weißrussische Block, wie alle anderen von folkloristischen Elementen durchzogen, repräsentiert die Stadt der Gegenwart. Weißrussische nationale Kultur erscheint im Dörflichen verwurzelt, aber doch im Jetzt angekommen. So haben sich inzwischen Hunderte von Grodnoer Bürgern dem Zug angeschlossen und laufen als Schlussbild durch die eigene Stadt. Ob sie Weißrussen, Russen, Ukrainer oder Polen ist nicht zu erkennen. Sie haben sich nicht verkleidet.

Auf der Suche nach einem Ort

Es gibt Grundbedürfnisse über die man nur kichernd spricht. Dabei gibt es in diesem Falle für den ausländischen Gast nichts zu lachen. Er wird herzlich empfangen. Alles ist für ihn gerichtet, er wird freundlich bedient, trinkt mehr als einen Schluck, findet Geschmack an der heimischen Kost, freut sich auf ein warmes Bett. Nur die Suche nach dem stillen Ort bereitet hin und wieder Sorgen. Während in einer einfachen Herberge die Toiletten auch sparsam ausgestattet sind, fällt in der Öffentlichkeit der Mangel jeglicher Aborte auf. So wurden in Grodno zum Festival der nationalen Kulturen neben den zentralen Kellern auf dem Sovietskaja Platz, in der Stadt genau zwei zusätzliche Toilettenhäuschen aufgestellt. Und dies bei zehntausenden Gästen, die in den Abendstunden mit den Einwohnern zu einer Hunderttausend Menschen großen Menge zusammenschmelzen. So gerät der ein oder andere ausländische Gast leicht in Verlegenheit, zumal, wenn er nicht mit der üblichen Notration Klopapier ausgestattet ist. In vielen Kneipen fehlt eine Toilette ganz, sodass es nicht weiter verwundert, warum es in Hinterhöfen, Hausdurchgängen und Treppenfluren hin und wieder streng riecht. An den zentralen sanitären Anlagen auf dem Sovietskaja hingegen hat sich eine beachtliche Schlange gebildet. Am Eingang in den Keller werden 295 Rubel kassiert. Ein paar Frauen mischen sich unter die Männer. Gekicher. Unten ein Bild und vor allem ein Geruch des Schreckens. Die Frauen versuchen sich auf die Damenseite durchzudrängeln, haben aber keinen Erfolg. Während sie sich für kurze Zeit bei den Männern verschanzen, ist Gelegenheit, den Businessplan der Einrichtung zu studieren. Bis auf den Rubel genau sind Ausgaben für Miete, Material, Gehälter, Abwasser und Strom angegeben. Dazu kommen 5 % staatlich reglementierten Gewinns, diverse Steuern und unter dem Strich erscheinen 295 Rubel. Vorausgesetzt 72.000 Besucher nutzen das Dienstleistungsangebot jährlich. Aufgrund des Festivalbetriebs ist also mit einer Planübererfüllung zu rechnen. Wozu dann neue Toiletten bauen?

Rückzug in den nationalen Hinterhof

Am zweiten Tag ziehen die Teilnehmer des Festes erneut durch die Stadt. Doch heute heißt es nicht, Einigkeit zu beweisen. So biegen hier und dort einzelne Gruppen aus dem Zug, um ihren nationalen Hinterhof zu betreten. Die Griechen sind in der Orzeszka-Straße untergekommen, die Zigeuner präsentieren sich direkt vor dem Kaufhaus Univermag. Unweit von hier der jüdische Hinterhof, auf dem sich Tanz- und Gesangsformationen aus den untergegangenen jüdischen Städten Witebsk, Mogiliov und Minsk auf ihren Auftritt vorbereiten. Der Hof liegt weit von der historischen Stätte jüdischen Lebens in Grodno entfernt. Vor dem Eingang zum Getto, in dem diese unterging, wurden jene Litauer postiert, die trotz der Proteste dabei sind. So steht ein Imbisstand vor der Gedenktafel für die 29.000 Grodnoer Opfer des Holocaust. Die Deutschen haben unweit von hier in der Schlossstraße einen Hinterhof bezogen. Eine Volkstanzgruppe aus Minsk singt lautstark: Oh Du lieber Augustin. Alle sind in Trachten aus Süddeutschland gehüllt. In den Pausen wird gejodelt. An den Wänden Ornamente deutscher Kultur: Osterhasen, Reichsadler, ein Lutherportrait. Die polnische Minderheit hat den Hof des Neuen Schlosses gestaltet, auf einer großen Bühne erklingen Polka, Mazurka und Krakoviak. Kinder aus der Umgebung tanzen dazu. Die Honoratioren sitzen zufrieden in der ersten Reihe. Im Rund des Hofes präsentieren sich die polnische Bibliothek, die Zeitung Glos znad Niemna, die in ganz Weißrussland erscheint, die polnische Jugend hat einen Stand, Volkskunst wird feil geboten, Veteranen der Heimatarmee laufen verloren durch die Gegend. So verschieden jeder der Hinterhöfe doch ist — sie vereint das ästhetische Empfinden von nationaler Identität als folkloristische Festveranstaltung, als post-sowjetische Tanz- und Gesangsshow, als Gegenwelt zur kommerzialisierten Reich des globalen Kapitalismus, in der scheinbar alles gleich ist. Auf den nationalen Hinterhöfen ist weder Platz für die komplizierte Vergangenheit noch für die schwierigen Fragen der Gegenwart. Aber warum unnötig Problematisieren? Ein Fest ist schließlich zum Feiern da.

Tränen der Freude

Der Abriss des vom Kriege relativ unversehrten klassizistischen Rathausgebäudes auf dem Sovietskaja-Platz ist den Hiesigen der Inbegriff der Zerstörung der bürgerlichen Stadt. Hier wurde die Zange des Fortschritts angesetzt, um die Vorkriegsstadt aufzubrechen. Hier wurde der alte Marktplatz zerstört, um einen sowjetischen Aufmarschplatz zu schaffen. An dessen einem Ende steht heute der Kulturpalast der Textilarbeiter, am anderen das Batorówka-Gebäude, in dem der Großfürst einst den Adel empfing. Dazwischen erstreckt sich eine übergroße Betonfläche, drei Fußballfelder groß, nur gesäumt von einer Trolleybusstation und einem Park, der sich bis zur Memel zieht. Die Anlage dieses Platzes erfüllte während des Festival der nationalen Kulturen seit langem ihre Funktion. Vor der Hauptbühne der VIP-Bereich für die Gouverneure, Botschafter und Veteranen. Hinter der Absperrung sammeln sich jeden Abend Zehntausende Grodnoer, um das Programm auf der Bühne zu erleben. Am letzten Tag wird mit Spannung das Feuerwerk erwartet, der Platz ist dicht gefüllt. Durch die Lautsprecher erklingt ein melancholisches Partisanenlied. Als die erste Rakete zum Himmel steigt, geht ein Raunen durch die Menge. Als sie über dem nächtlichen Himmel explodiert, schreien die Ersten. Bei der nächsten Salve Kreischen. Eine Sinfonie aus Feuerwerk und sowjetischer Musik ergießt sich über Grodno als die belarussische Nationalhymne erklingt: Wir Belarussen sind friedfertige Leute…. Die Menge ist außer sich, bei jedem großen Sternenregen wird geklatscht. Der ganze Platz scheint zu beben. Einige weinen vor Freude. Die Silhouette scheint kein Gegensatz mehr zur untergegangenen Stadt darzustellen. Hier sind die Einwohner mit ihrer Stadt versöhnt. Nie hätten auf den alten Marktplatz der 45.000 Seelenstadt 100.000 Menschen gepaßt.

Drei Friedhöfe

Einige junge Grodnoer Polen waren zum ersten mal in ihrem Leben auf dem katholischen Friedhof der Stadt, als die Gruppe von Viadrina-Studenten dorthin aufbrach. An der neuen Markthalle hinter den Eisenbahngleisen liegt zunächst die orthodoxe Nekropolis. Hier stehen klassizistische Sandsteinstele neben verrosteten Jugenstilgruften. Dazwischen von silberner Farbe überzogene sowjetische Gräber und die gold-braunen Statuen für die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges. Auf manchen von ihnen wurden die roten Sterne durch orthodoxe Kreuze ersetzt. Alle Inschriften sind in kyrillischer Sprache verfasst, die Steinmetze waren Juden und Polen. Ein Hauptweg des orthodoxen Friedhofs mündet direkt in die Allee des katholischen gegenüber. Von weitem wirkt es, als würden beide ineinander übergehen. An der Steinmauer eine polnische Inschrift: Cementarz katolicki. Die Grabstätten liegen um eine in weiß gehaltene Kapelle des deutschen Architekten von Rauch. Während wir vor dem Grab von Eliza Orzeszkowa innehalten, beginnt ein Schwarm Krähen über den Wipfeln zu kreisen. Die Ruhestätten sind ähnlich verrottet wie auf dem orthodoxen Friedhof. Steinernen Engeln fehlen die Köpfe, die feinen schmiedeeisernen Geländer sind vom Rost zerfressen, manch eine Eisenstatur ist von Plünderern als Altmetall verkauft worden. Die Grabstätten ähneln denen der Orthodoxen in vielem, die Steinmetze waren die selben. Heute werden die Platten oft mit emaillierten Fotos versehen, der Phantasie ist bei der Gestaltung der Inschrift keine Grenzen gesetzt. Auf dem polnischen Friedhof finden sich auch kyrillische Inschriften. Von hier spazieren wir durch eine dörfliche Uferstraße flußabwärts. Auf dem Weg zum jüdischen Friedhof am anderen Ufer der Memel werden wir von einem Regenschauer aufgehalten. So verharren wir an der Kolozakirche und machen zusammen mit unseren weißrussischen und polnischen Gastgebern Picknick. Als der Regen erneut beginnt, flüchten wir unter den Torbogen des Hofes, auf dem gestern noch die deutsche Minderheit geträllert hat. Nach einer Weile, es ist längst dunkel, beschließen wir nichtsdestotrotz, zum jüdischen Friedhof zu laufen. Entlang der Memel führt ein beleuchteter Sandweg in Richtung der großen Brücke, die die Außenbezirke von Grodno miteinander verbindet. Nachdem wir diese überschritten haben, führt ein Pfad durch nasses Gras. Im Wald folgen wir einem Sandweg bis zum Eingang des Friedhofes. Gleich dahinter leuchtet in der Nacht der Sand, der vom ehemaligen Großen Friedhof am anderen Ufer hier hergeschafft wurde. Dort wurde gerade das Sportstadion erweitert. Weiter rechts ziehen sich die Grabsteine hin. Von den 1950er Jahren an, als es noch erlaubt war, hier die Angehörigen zu bestatten, die den Holocaust überlebt hatten, führen die Platten bis ins 19. Jahrhundert, als bereits in der Vorstadt Juden lebten. Die Massengräber aus der Zeit der Gettos wurden nach dem Krieg mit dem Großen Friedhof eingeebnet. 60 Jahre später sitzen wir voller Ehrfurcht und aufgeregt vor einer Mazewa und versuchen sie zu entziffern. Ania aus dem Grodnoer Stadtarchiv hat Hebräisch gelernt, um die alte Bibliothek zu initialisieren, Tomasz vom Viadrina-Jiddish-Klub entziffert mit ihr gemeinsam die Zeichen im Schein eines Feuerzeugs. Auf die Brücke zurückgekehrt nehmen wir noch einen Schluck auf die Toten und Lebenden und fahren mit einem Taxi zurück in die Stadt.

Visavye Diela

Kati und Dragomira haben für ihre Visa 50 Dollar und 45 Zloty bezahlt. Und doch wurden sie für einen Tag zu kurz ausgestellt. Als wir bei der Ankunft am Freitag die weißrussischen Grenzschützer fragen, ob wir dennoch das Land am Montag verlassen könnten, setzen sie dunkle Minen auf und meinen: Ja wissen sie, solche Leuten lassen wir standrechtlich erschießen. Gelächter. Und wo finden diese Hinrichtungen statt, wir würden gerne alle beiwohnen, fragt jemand zurück. Ach, wir haben da einige Orte in Petto, erwidert einer der Grenzer lächelnd. Eine Viertelstunde später nimmt sich sein Vorgesetzter der Sache an. Studenten? Festival der Kulturen? Wissen sie was, kommen sie einfach am Montag morgen, ich werde zwar nicht im Dienst sein, aber dafür sorgen, dass man sie abfertigt, erklärt er mit Nachdruck. Und auf wen dürfen wir uns berufen? Oberstleutnant, Kommandant der Bahnhofsstation. Und ihr Name, dürfen wir den Erfahren? Also wenn es sein muss, schreiben sie: null null eins. Und nun auf Wiedersehen meine Damen und Herren. Von diesem Zeitpunkt an denken wir mit großem Vergnügen und großer Unruhe an den Montag Morgen. Es ist soweit. Als sich alle in der Wartehalle des Bahnhofs versammelt haben und der letzte Tee ausgetrunken ist, lassen wir noch eine halbe Stunde verstreichen, um vor Abfahrt des Zuges möglichst wenig Zeit für unangenehme Diskussionen zu haben. Kati und Dragomira werden in der Mitte der Gruppe postiert. Sie rücken ihr Dekolleté zurecht, setzten ein zuckersüßes Lächeln auf und grüßen freundlich: Dobry dien!. Der Grenzbeamte mustert sie, überprüft ihre Pässe. Die Mitreisenden halten die Luft an. Das erlösende Geräusch des Stempels: ein mal kracht es. Das zweite Mal. Wir haben es geschafft. Weißrussland hat uns entlassen. Wir werden wiederkehren…. aber zuerst gilt es das Schmuggelgut zu verstauen. Bücher, Plakate, Beobachtungen, einige Flaschen Wodka und reichlich Sonnenblumenkerne.

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