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Home Blog Autorenblogs "Paranoia" in Belarus verboten und doch alltäglich [+Buch als Download!]
"Paranoia" in Belarus verboten und doch alltäglich [+Buch als Download!] Drucken
Benutzerbewertung: / 2
SchwachPerfekt 
Montag, 08. Februar 2010 um 17:10

Auf der einen Seite haben wir Ingo Petz - vermutlich den einzigsten deutschen Journalisten, der sich konsequent Belarus verschrieben hat, seit vielen Jahren immer wieder spannende Themen (und Menschen) aufgreift und dem deutschsprachigen Publikum kompetent präsentiert. Auf der anderen Seite haben wir Wiktor Martynowytsch - einen belarussischen Journalisten, Politologen, Dr. in der Kunstgeschichte und den Autoren des Buches "Paranoia", dessen inoffizielles Verbot für reichlich Wirbel (und PR) in Belarus gesorgt hat.  Entstanden ist daraus ein Interview, nein, eigentlich ein Dialog über die belarussische Gesellschaft, über das alltägliche Paranoia und über die Gründe, warum man Wiktor Martynowytsch besser nicht verhaften sollte.

 

 

Hier sind einige Auszüge, der Link zum vollständigen Interview auf kulturama.org und als BONUS für unsere Leser (!) das verbotene Buch als freies Download (in russischer Sprache). 

"Eben weil die Diktatur eine permanente Paranoia schürt und den Menschen bewusst Angst macht. Das wird auf allen möglichen Ebenen gepflegt wie auch damals in der DDR. Verstehen Sie! Im heutigen Belarus muss keiner umgebracht werden. Denn letzten Endes töten sich alle selbst. Alle haben in sich den Wunsch erstickt, frei äußern zu wollen, was sie denken und was sie in einem freien Geist tun wollen. Der Tod ist nichts, wenn du Gefahr läufst, deinen Arbeitsplatz zu verlieren und damit die Zukunft, die von deinem Einkommen abhängt, nämlich die Zukunft deiner Kinder. Dies macht die Diktatur in Belarus aus – sie ist eine Diktatur von neuer Qualität, eine De facto-Diktatur, in der der Diktator selbst nicht das Zentrum der Macht ist, sondern jeder Bürger, jedes Individuum, das sich selbst verbietet, auf Demonstrationen zu gehen oder ein Interview, einem unabhängigen Medium zu geben. Paranoia kann eine Volkskrankheit sein. Und gleichzeitig – eine nationale Idee."

"Ja, in gewisser Weise ist Belarus die Standard-Konsumgesellschaft. Aber hinsichtlich dessen, was die Menschen brauchen, unterscheidet sich unsere Gesellschaft stark von den westlichen Gesellschaften. Für die Menschen im Westen ist Freiheit eine innere Notwendigkeit, die buchstäblich in jeder Haltung reflektiert wird – meinetwegen auch im Geldverdienen und im Shopping. Unsere Konsumgesellschaft aber selbst fußt auf der persönlichen Unfreiheit. Die Besserverdienenden sind im Allgemeinen die Schichten der Gesellschaft, die auch dem Regime sehr nahe und damit am wenigsten frei sind. Man kann sagen: Wer Prada liebt, muss auch Lukaschenko lieben. Im Westen macht solch ein Vergleich keinen Sinn."

Mir scheint, dass das Problem des Buches darin liegt, dass es die Wirklichkeit demaskiert und dass es die Wirklichkeit durch die Beziehungen der Menschen untereinander erklärt. Die Gefahr des Buches besteht wohl darin, dass man den Menschen nicht zeigen darf, wie sehr sie sich fürchten. „Paranoia“ ist ein Roman über die Angst. Ich bekomme jeden Tag viele Mails, in denen Leser mir dafür danken, dass ich ihnen vor Augen geführt habe, was für Angsthasen sie sind, und wie dumm es eigentlich ist, Angst zu haben. Auch für mich war der Roman ein Kampf mit meiner Angst. Ein Drittel des Romans habe ich mit meinem Handy geschrieben, weil ich Angst hatte, ihn in meinen Laptop zu tippen, weil er dort leichter hätte entdeckt werden können. Ich habe auch darüber nachgedacht, das Buch unter günstigeren politischen Umständen veröffentlichen zu lassen – womöglich nach einem Wechsel. Dass ich ihn nun unter meinen Namen veröffentlicht habe, ist auch so etwas wie ein Manifest: Leute, habt keine Angst! Es reicht mit der Angst!

PS: Übrigens anscheinend ist sogar ein Film in Planung.

 

Written by :
Schreibikus
 
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Kommentare (1)Add Comment
sjabr
June 22, 2010
Stimmen: +0
...

vielen dank für das buch!!!)) nur eine kleine pingelige *gg*, aber gut gemeinte anmerkung: das wort "einzigSTe" gibt's nicht. lässt den bericht ein wenig unseriös erscheinen.

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